Daishin Zen Schule

Leidfreie Wirklichkeit

Teisho - Zen-Meister Hinnerk Polenski
Rohatsu Sesshin Dezember 2017, Zen-Kloster Buchenberg

 

Was ist Wirklichkeit?

Zen lehrt uns, dass wir als Menschen fast ausschließlich in einer groben Wirklichkeit leben, in einer Sinnen-Wirklichkeit - indem wir alles, was unsere Sinne melden, mit Erinnerungen vergleichen, dann in unserem Kopf als eine neue, innere Wirklichkeit erzeugen und für wirklich halten. Kant hat schon darauf hingewiesen, vor ihm Platon mit seinem Höhlen-Gleichnis, dass wir uns unsere Welt konstruieren. Diese Konstruktion findet im Kopf statt, bewiesen durch die Sinne. Das Resultat ist die Trennung von Körper und Geist. Der Osten lehrt uns, dass Körper und Geist eins sind, dass die Brücke zwischen beiden Energie ist.

Körper - Energie - Geist.

Der erste Schritt auf dem Weg ist, eine Idee davon zu bekommen, was wir noch alles sind an Wirklichkeit, außer der, die man grobe Wirklichkeit, grobkörperlich, Sinnen-Wirklichkeit nennt. Dies ist kein Weggehen aus dieser Welt in eine Überwelt, sondern es ist der Aspekt dieser Wirklichkeit auf Grundlage verschiedener Dimensionen von Bewusstsein. Die Voraussetzung ist erstmal, dass wir in dieser groben Ebene sind, da sind wir hineingeworfen, heute im 21. Jahrhundert, oder früher in anderen Zeiten, in anderen Gesellschaften, in anderen Ethiken, in anderen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, günstige und ungünstige. Das günstige an dieser Zeit ist, dass wir einen Raum schaffen können, zu erfahren, wer wir wirklich sind. Das Ideal des Zen ist Wesensschau, Kensho, Satori. Was ist unser Wesen? So beginnt der Weg zuerst mit dem Ruhigwerden von Körper, Energie und Geist. Erst einmal das in Ruhe kommen, das Anhalten, das ist der Anfänger-Schritt. Wir sind immer wieder Anfänger.

Das ist der Anfänger-Weg in mir selber; es gibt in mir einen Fortgeschrittenen- und Meister-Weg. Das ist alles in uns, das hat mit anderen und mit vergleichenden Systemen nichts zu tun. Ein wesentlicher Aspekt der groben Welt ist, dass die Sinnesebene heutzutage primär als ein Vergleichssystem benutzt wird zwischen der eigenen Ego-Illusion und der Ego-Illusion anderer, dass es einen Wettstreit gibt unter Illusionen, unter der Fahne der Vergänglichkeit. In diesem anzuhalten ist das Anhalten des Körpers durch die richtige Meditationshaltung, die in allen östlichen Richtungen – ob Yoga, Advaita, Taoismus, Theravada Buddhismus, Tibetischer Buddhismus, Zen oder Chan - die gleiche Form hat. Da alle Menschen einen sehr ähnlichen Körper haben, ist das Anhalten immer die rechte Körperhaltung.

Wenn wir den Körper anhalten, bleiben zwei Dinge: eine Unruhe oder eine Müdigkeit, ein Getriebensein oder ein träges Sich-nicht-Aufraffen; das ist die Ebene der Energie. Unabhängig von Trägheit und Unruhe geht es zunächst darum, die Energie in Ruhe zu bringen. So fügt sich in die rechte Körperhaltung die Übung des Hara, die Energie-Stille, die Stille in der Erdmitte des Menschen. Wenn dieses geschieht, wenn der Körper zur Ruhe kommt, die Energie zur Ruhe kommt, dann wird es sehr viel leichter. Es bleiben dann unendlich viele Gedanken, psychische Emotionen und körperliche Emotionen, Bilder. Jetzt kommt die innere Übung, die den Geist in Stille bringt, in den Zustand des Nicht-Denkens. Dieser Zustand des Nicht- Denkens, in dem zur Ruhe gekommenen Sein, in der zur Ruhe gekommenen Energie, im Zentrum der Kraft und im ruhenden Körper.

Diese Stille des Denkens ist Upacara Samadhi - angrenzende Versenkung. Wenn wir diesen Aspekt erreicht haben, ist die Voraussetzung erfüllt, einen ersten Geschmack davon zu bekommen, was unser Körper wirklich ist, was Energie wirklich ist, und was Geist wirklich ist. Bis dahin kennen wir unseren Körper nur als einen Träger von Lust und Befriedigung, sei es von Durst, von Hunger, von Sexualität, auch die Nähe in der Berührung. Gleichermaßen, als etwas was uns permanent aus unserem Ich herausbringt, dadurch, dass es unbequem ist, wir hungrig und durstig sind, getrieben sind, Schmerzen haben und Schmerzen kennen, die durchaus so stark sein können, dass sie uns aus unserer Ego-Bequemlichkeit herausreißen, lästig werden. So versuchen wir diese Dimension des Körpers durch Mittelchen und Rituale unsere Zeit, Sexualität, Internet und ähnliche Geschichten auszugleichen, was am Ende nicht gelingt.

Wir kennen Energie nur als einen Zustand von: Ich habe Kraft und Energie; man zeigt es nach außen. Hat man nicht so viel davon, dann wird es durch Kleidung oder durch Fahrzeuge kompensiert, dann ist die Macht des Geldes die Energie, oder man ist müde und träge und fühlt sich nicht so gut. Die Energie kennen wir nur als psychischen Zustand. Der Geist, der dort ist - die wahre Tragik unseres menschlichen Seins - ist in so einen fürchterlich kleinen Kasten eingesperrt, angesichts von wirklichem Geist, von großem Geist. Dieser kleine Kasten beschränkt sich auf eine Wechselwirkung von Gefühlen, Bildern, Gedanken, Logik und Algorithmen, getriggert durch verschiedene Dimensionen von Erinnerungen und Programmen. Wie eine Aufzieh-Spielmaus, die wirr durch die Gegend schnurrt, bedingt durch die Fläche auf der sie sich bewegt. So zu sterben ist Tragik. Von so vielen Menschen auf dieser Welt zu wissen, dass sie nur dieses kennen, diese Dunkelheit, das ist Tragik. Daraus entsteht tiefes Mitgefühl und der Wunsch, die Welt zu erhellen; aber erst einmal müssen wir erkennen, was Helligkeit ist. Die Voraussetzung ist: Der Körper ist ruhig, die Energie fließt ins Energiezentrum und ist ruhig, die Gedanken und Bilder, Erinnerungen kommen zur Ruhe, Nicht-Denken, angrenzende Versenkung, Upacara Samadhi.

Jetzt ist die Voraussetzung erfüllt. Für alle diejenigen, die hier sitzen und dort nicht sind, ist die Zeit des Rohatsu, der sieben-Tage-wie-ein-Tag, einzig unter dieser Fahne. Es ist unwichtig, was für tolle Erfahrungen ihr zwischendrin habt, es ist unwichtig, ob ihr die ganze Zeit glaubt, ihr erreicht es nicht, und noch unwichtiger ist, was ihr glaubt, was die anderen alles erreichen oder nicht erreichen. Wenn wir die Ebene von Upacara Samadhi betreten und uns von Körper, Energie und Geist tragen lassen in Stille, dann öffnet sich zuerst die tiefe Wirklichkeit des Körpers - diese Erfahrung ist es, warum Menschen nie wieder aufhören zu meditieren.

Der erste große Schlüssel ist, aus der grobstofflichen Erfahrung, aus dem grobstofflichen Körper heraus in die Dimension der Feinstofflichkeit zu kommen. Man kann auch sagen, die wirkliche Essenz von Körperlichkeit, von Erde. Man nennt die Welt des Grobstofflichen Kamadhatu oder Kamaloka. Kama heißt Sinne, Loca bedeutet Ort, Dhatu heißt Welt. Rupaloka oder Rupadhatu ist die feinkörperliche Welt. Rupa heißt eigentlich nur Körper, weil es der wahre Körper ist. Diese Erfahrung unseres wahren Körpers - wir sprechen nicht von Energie oder von Geist, wir sprechen nicht von Geistesinhalten - ist ein großer Quantensprung. Dieser Quantensprung führt dazu, dass euer Weg sich vertieft und ihr eine tiefe Orientierung in dem Wahn der Welt habt.

Die Problematik vieler großartiger spiritueller Richtungen und vieler geistiger Lehrer ist, dass sie nur die Ebene der Energie antriggern, die allermeisten nur die Ebene der Erfahrung, der Erweiterung des Geistes, dass das Ich in seiner Kleinheit die Fenster öffnet und das Licht hinein dringt. Das ist eine tiefe und große Erfahrung, aber diese Erfahrung, so wunderschön sie auch ist, hat keine Nachhaltigkeit. Im Gegenteil kann sie den Kontrast zwischen der geistigen Erfahrung, des Hellen, des Lichten, des Herzens, der Einheit auf der einen Seite und der Widerborstigkeit und Widersprüchlichkeit, der Vergänglichkeit, dem Leidhaften, der Nicht-unsere-Erwartungen-erfüllenden Wirklichkeit - diesen Kontrast verstärken, diesen Dualismus vergrößern. Wenn ich aber in die Erfahrung meiner Feinkörperlichkeit gehe - ich spreche nicht von esoterischem Müll oder ätherischen Körpern, was letztlich zum Großteil von unserem genialen, schlauen Ego konstruiert ist, und nichts weiter als spiritueller Materialismus ist - sondern ich spreche von einer tiefen, wirklichen, körperlichen Erfahrung… Welche Erfahrung des Körpers kennt ihr, die am tiefsten und nachhaltigsten ist? Richtig guter Sex mit guter Nähe, mit einem Menschen den man liebt, kann in Sternstunden in eine Tiefe kommen von Ekstase, von Körperlichkeit, die unglaublich schön ist und unglaublich tief. Die Erfahrung der Feinkörperlichkeit geht noch tiefer, sie ist noch länger, weil sie Wirklichkeit ist.

Ich spreche nicht von Geist und nicht von Geistinhalten, ich spreche nicht von der Erweiterung des Geistbewusstseins oder dem Spiel von Energien, von Ki, Chi, Prana. Ich spreche von etwas, was in der westlichen Spiritualität seit 50 Jahren vernachlässigt wird: dem Körper, den Körper zu erleuchten, ein erleuchteter Körper. Diese Erfahrung bietet schon die erste Jhana-Stufe, die erste feinkörperliche Versenkungsstufe; warm, weich und sanft oder ekstatisch, das spielt keine Rolle. Sie kann zart sein und wild, sie ist aber immer körperlich, körperliches Entzücken. Die feinkörperlichen Jhana-Stufen zeigen euch dann mehr und mehr auch die Wirklichkeit der mit Körper und Energie und Geist verbundenen Einheit. Mehr und mehr geht das Körperliche zurück, wie ein Fundament, und andere Aspekte eures reinen Seins, eures Wesens werden deutlich. Bis reines gelassenes Sein unsere feinkörperliche Wahrheit ist und wir an ein Tor kommen, das in einen Bereich der Unkörperlichkeit geht.

Hier in der fünften Jhana-Stufe werden wir zum ersten Mal in einer unglaublich wunderschönen Form erleben, was die wahre Form, die wahre Natur, das wahre Wesen von Energie ist. Bis dahin haben wir unser grobstoffliches Ich, die Energie, immer aus dem Ich heraus betrachtet: Ich bewege Ki und Chi und Meridiane und dieses und jenes. Das ist eine feine Sache, eine Kunst, ich will dieses nicht schmälern. Aber erleuchtete Energie und Erleuchtung ist Nicht-Ich, ist Raumunendlichkeit. Dann geht dieser Weg weiter, Schritt für Schritt, tiefer in eine nicht-körperliche Arupa-Jhana und ihr kostet das Wesen des Geistes – Bewusstseins-Unendlichkeit. Es ist ein göttliches Baden im Bewusstsein, unendlich geweitet, bis an die Grenze von Raum und darüber hinaus, dann kein Raum, nur Bewusstsein, aber immer noch ein Hauch von Ich, wunderbar. Dann: Nichts, Sunyata, Leerheit. Nun ist kein Ich, nur ein Hauch von Ich, ein unsichtbarer Hauch von Ich, eine Verbindung noch da - Leerheit. Sechste und siebente Jhana-Stufe, dann weder Sein-noch-nicht-Sein. Die Essenz von Geist ist Licht, nur Leerheit wo nichts ist, nur Freiheit. Sie kommt wieder an in allem, ist dann Citta Matra - alles ist reiner Geist - weder Sein-noch-nicht-Sein, weder Wahrnehmung-noch-nicht-Wahrnehmung.

Diese Köstlichkeiten öffnen sich allen, die aufrecht, mit tiefem Willen und hoher Hingabe den Dharma-Weg gehen. In einer Übungsperiode wie vielleicht hier auf dem Rohatsu - sieben-Tage-wie-ein-Tag. Das Köstliche daran ist - und damit spreche ich alle von euch an - wir brauchen noch kein tiefes Kensho, Satori, Erleuchtung, was auch immer das sein mag, im Zen sprechen wir vom großen Tod. Sondern: Unser Ich mit seiner grobstofflichen Energie, seinem grobstofflichen Körper, seinem Willen, seinem Wunsch zur Befreiung kann diesen Weg gehen. Die Voraussetzung dieses Weges sind zwei Dinge: Erstens, Upacara Samadhi, stiller Körper, stille Energie, Nicht-Denken. Das Nicht-Denken ist der Schlüssel. Ich habe nicht gesagt, nur ein bisschen Nicht-Denken. Wenn ihr schon hier so einen langen Weg angereist seid und wir so eine lange Zeit gemeinsam mit Freunden sitzen werden, dann lasst uns die Zeit nicht verschwenden, indem wir auf einem Kissen sitzen, auf einer Matte oder einem Holzbänkchen, was deutlich bequemer ginge, wenn wir über irgendeinen Scheiß nachdenken wollten. Sondern lasst uns versuchen, sanft aber ausdauernd in einem Zustand von Nicht-Denken zu verweilen, die Basis für Upacara zu öffnen. Dann fügt sich ein zweiter Teil hinzu, deshalb gibt es Übungsperioden, Sesshins von sieben Tagen und länger - sitting long and getting tired – lange sitzen und müde werden. Wir können diese Dimensionen des feinkörperlichen und des nicht-körperlichen nicht erzwingen. Wir können durch unser Üben des Upacara danach streben, in der Stille verweilen, in der Übung zu verweilen und zwar nur in der Übung. Es ist ein köstlicher Weg, ein wunderbarer, freudvoller, lichter und heller Weg der allen zugänglich ist. Ausdauer und Intensität und Stille.

Was ist unsere wahre Natur?

Körper – Geist.

Körper - Energie – Geist.

Alles ist reiner Geist.

Alles ist erleuchtete Energie, alles ist erleuchteter Körper. Diesen Quantensprung müssen wir schaffen, nicht nur hier, sondern auch als Menschheit. Solange nur ein Teil leuchtet wie Geist, bleibt die große Spaltung, die Ursache für das große Leid auf dieser Welt. Wir müssen unsere Welt erleuchten.

Einheit von Körper, Energie und Geist.

Einheit von Körper und Geist.

Dann sind die Dinge so wie sie sind in Frieden.

Vorträge von Zen-Meister Hinnerk Polenski

(In grün: sichtbar für Mitglieder des Daishin Zen Förderkreis e.V.)

Ist Pippi Langstrumpf eine Zen-Meisterin? - Zen und innere Freiheit

Über Respekt

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Joshus "Spüle deine Schalen"

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Leidfreie Wirklichkeit Teil II

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Warum brauchen wir Mut, wenn wir den Weg des Herzens gehen wollen?

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Der Weg zur Erfüllung ist die Einheit von Körper und Geist

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