Daishin Zen Schule

Wenn das Viele zu einem wird

Teisho - Zen-Meister Hinnerk Polenski
Daishin Zen Rohatsu Sesshin, Zen-Kloster Buchenberg, Januar 2016

 

Wenn das Viele zum Einen wird, wohin geht das Eine?

Wenn wir in der Welt uns bewegen, erleben wir eine Dimension am meisten, und das ist die Dimension der Bedingtheit, die Dinge sind bedingt. Dies erleben wir von Geburt an, wenn wir das und das wollen, müssen wir dies und dies tun, wenn wir so und so uns verhalten, passiert das und das. Wenn wir Hunger haben essen wir. Wenn wir alt werden, werden wir vielleicht krank, auf jeden Fall sterben wir irgendwann. Die Bedingtheit der Dinge hat zwei Aspekte, das eine ist Ursache und Wirkung, ein anderes Wort für Karma, oder modernes Wort für Karma, Ursache und Wirkung. Die andere Dimension ist die vollkommene Verstrickung unseres Geistes in diese Dimension, die sich häufig selbständig gemacht in unserem Kopf weiterläuft. Wir sehen jemanden, aber wir sehen nur das was wir sehen dürfen, können oder möchten. Als Kinder sind wir frei und können frei innerhalb dieser Bedingtheiten spielen, aber umso älter wir werden, umso mehr, umso enger wird die Dimension der Verstrickung der Bedingtheiten, weil man muss Geld verdienen, deshalb muss man diesen Beruf machen, man muss so eine Ausbildung machen, wer kein Abitur hat der wird Müllmann... All diese Geschichten. Ja, nur wer leistet wird geliebt, nur wer den Anforderungen so und so entspricht, wer sich so und so benimmt, und so weiter. Das sind Dimensionen..., und es geht nicht um richtig und falsch von dieser Dimension, sondern es geht nur darum, das wir umso älter wir werden umso mehr uns darin verstricken. Entweder fühlen wir dabei eine Ohnmacht und Hilflosigkeit, oder aber wir bilden uns ein wir sind Meister dieser Welt, ja... Was kostet die Welt, ne..., so... Beides ist Unsinn.

Seit Anbeginn, seit der Mensch bewusst ist hier auf dieser Welt, stellt er inmitten dieser Verstrickung die Frage: Gibt es etwas Unbedingtes? Das Synonym für dieses Unbedingte hat viele Namen. Wir Menschen lernen, dass wir dieses sofort in ein Gegenüber packen. Die Frage: Gibt es etwas Unbedingtes? geht sofort in ein Gegenüber, und es gibt fürchterlich viele Angebote, die das sofort definieren. Früher gab es nur eins, da gab es pro Land, pro Kultur eine Religion. Die hat quasi das alleinige Recht auf diese Antwort gehabt. Heute ist es ein bunter Laden, wo viele sich bewerben, um das zu erläutern, was das Unbedingte ist. Spiritualität egal in welcher Dimension und aus welcher Tradition beginnt immer in dem Moment, wie das alles keine Rolle spielt, was wir glauben, was andere e uns erzählen, was in der Kultur gerade vorhanden ist, zufällig werden wir in eine Kultur X geboren mit einer Religion Y, oder mit einer Erklärung: Alles ist Materialismus... Was auch immer. Spiritualität beginnt mit der Frage: Gibt es etwas Unbedingtes? Und mit dieser Frage steht der Mensch erst mal alleine. In einer tiefen Sehnsucht, nicht eine äußere Antwort zu haben, die ein Stellvertreter dann quasi ausfüllt, sondern die mein Herz berührt. Spiritualität, Mystik bedeutet, in die Erfahrung zu kommen, statt Glauben: Erfahrung. Und das Heilige, wenn ich weiter in den Worten unserer Kultur spreche, ist über die Erfahrung hinaus in eine Transformation zu kommen, denn das, was hinter der Frage nach dem Unbedingten steht, ist die Freiheit, und die erste und wichtigste Freiheit hat Shakyamuni Buddha dazu bewogen, aufzubrechen, die Freiheit von Leiden. Schmerz ist unvermeidbar, es ist ein Teil unseres Seins, ich meine jetzt nicht nur den wenn wir krank sind und ein Fuß uns weh tut, sondern auch der Schmerz des Herzens, durch Trennung, durch tragische Umstände, durch viele Dinge bedingt. Leiden ist aber etwas anderes. Die Frage nach der Freiheit ist die Frage nach dem Unbedingten, das ist der Weg des Ostens, der Beginn an diesem Punkt: Gibt es etwas Unbedingtes? Und das ist eine Forschungsreise, und das ist die Reise von Materie zu Geist. Erstmal ist alles materiell, ja, ein Kohlkopf kostet 50 Cent oder einen Euro, was auch immer, und dazu muss dies gemacht werden und jenes, und d ist eine Tür und da gehe ich raus, wenn ich erschöpft bin bin ich müde, wenn ich Kaffee trinke passiert dies, wenn ich dir nett guten Tag sage ist dies, wenn ich da rumbrülle jenes, wir sind nur in diesen Feldern, und das gesamte System, unsere gesamte Intelligenz ist darauf ausgelegt, in diesem zu beleben und noch schöner es zu meistern, oder erfolgreich zu sein, wobei der Maßstab von Erfolg vom Kollektiv festgelegt wird.

Nun ist das Maximum Verstrickung. Gibt es etwas Unbedingtes? Diese Frage treibt seit Jahrtausenden viele Menschen in tiefster Hingabe an. Ein europäisches Wort ist "absolut". Gibt es etwas Absolutes? Ein wunderschönes Wort, das ich sehr liebe, ist Geist. Und so entsteht mit der Zeit ein Weg, den wir gehen, der Erfahrung, und er beginnt das wir nicht nur mit dem Geist diesen Weg gehen, sondern mit unserer körperlichen Energie und unserem Körper selber in der Einheit Körper-Energie-Geist, die Form des Zazen: körperlich, Atem, Energiezentrum Hara, die Energie und der Geist in der Intension. Es ist die Ausrichtung -europäisch- auf das Absolute, der Wille lenkt sich aufs Absolute, im Rinzei: der Wille ist auf vollendeter Freiheit ausgerichtet, absolute unbedingte Freiheit. Gibt es so was?

Und irgendwann, durch Disziplin von Transzendenz, durch rechte Anstrengung, durch rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung, durch das Einübung und durch das Aushalten in dieser Frage entsteht etwas, das nichts ist, was wir denken, was etwas sein könnte. In der Meditation und in der Übung wollen wir etwas erreichen, das Erreichen ist immer ein neues Gegenüber schaffen, und jedes Gegenüber ist anthropomorph, ist menschbezogen, ist Ich-bezogen, ist ein Bild. Das Aushalten des nicht-definierens dieses Gegenübers, dieses Aushalten von mir selbst und meinem Potential und meinen Möglichkeiten ist ein Öffnen, ein Offen-werden aus der Verstrickung für dieses Absolute. Ein Christ würde sagen: Offenwerden für heiligen Geist. Das ist ein wunderbares Bild, und wir müssen über dieses Bild hinausgehen.

Der Anfänger wird sich die Frage stellen, gibt es eine Kraft, die unabhängig davon ist, wie es mir gerade geht und was mir passiert? Ein Fortgeschrittener fragt, gibt es Klarheit, die unabhängig davon ist wo ich gerade stehe und wie verstrickt ich bin, oder jemand geht weiter: Gibt es eine Einheit mit mir selbst, die unabhängig ist, oder eine Einheit, ein Herz mit allem? Was ist das alles, ich und diese Welt? Ist es das was wir glauben was es ist, eine Kette von Verstrickung, in der wir irgendwie versuchen, klarzukommen, getrieben von A nach B laufen, und sie immer belohnen, dort in Trauer sind, und versuchen irgendwas zu erfüllen, von dem wir nicht genau wissen, worum es eigentlich geht. In hunderten Postkarten suchen wir mit diesen Postkarten das Gegenüber, ja ich hab so eine Postkarte, das ist so eine Blondine drauf und dann kuk ich die mir so an und kuk die da draußen, wird dich nicht finden, es gibt keine Postkartenblondinen, es gibt nur Menschen. Gibt es etwas Unbedingtes? Dieser Weg ist der Weg von Materie zu Geist. Das ist ein Weg, den gibt es schon lange, er hat alte Tradition, festen Boden, besonders im Osten. Und irgendwann auf diesem Weg, durch rechte Übung, dadurch das man einen Weg geht, in dem ich für einen Moment alles einsetze so wie jetzt hier an dieser Stelle, öffnet sich was, verschwindet Verstrickung, Klarsicht, Einsicht, reiner Geist, was auch immer? Ich will es ja nicht definieren. Ihr seid gefordert, hm. Und dann ist da diese Freiheit oder dieses unendliche weite Herz, und tausende andere Namen können wir finden, und dann? Dann haben wir eine Erfahrung, einen Meilenstein. Und dann beginnt der Weg erst.

Das besondere des Zen ist das sich Zen nicht darauf beschränkt, eine Erfahrung des Absoluten in mir zu öffnen, wie weit wir überhaupt von wir und öffnen sprechen können. Da ist das Christentum etwas... einen besseren Ausdruck und spricht von Gnade, und die Übung des Exerzitiums ist das bereit-sein für diese Gnade, das Herausfallen aus der Verstrickung, aus dem Wahnsinn, aber ... hier hält Zen nicht an, sondern Zen lehrt, das alles Eins ist, Erfahrung von Geist, und stinkende Füße, oder Knieschmerzen, oder Durst, alles was Welt ist, alles was Geist ist, alles was ist ist Eins, und ich sitze nicht mein Leben lang auf dieser Matte, und wenn ich runtergehe von der Bergspitze bin ich wieder in dieser Welt. Ich kann also wieder zurückkehren in die alte Welt der Verstrickung und habe dann eine Erfahrung. Das kann man machen, und das ist immerhin eine tolle Sache so, aber das ist nicht Zen. Der nächste Schritt ist von Geist zu Materie. Und das ist Schöpfung.

Alles ist reiner Geist, alles ist aber auch Schöpfung. Und daraus entsteht die Einsicht, dass das, was ich als ich bezeuge, dass das was ich glaube zu sein eine Illusion ist. Und das was Welt ist meine Welt ist, das also die Illusion von ich und die Illusion von Welt das Gleiche ist, und dahinter ist etwas ganz wunderbares: es ist die Wirklichkeit, vor der wir alle Angst haben. Wir haben... die größte Angst des Menschen ist die Angst vorm Paradies. Das Leben ist ein Geschenk. Wir Menschen machen daraus diesen Wahnsinn, und werten dieses Geschenk in kleine Höllen um, und nicht der Schmerz macht die Hölle, sondern das Leiden, und es gibt mehr Leiden ohne Schmerz als ihr euch vorstellen könnt. Die Welt ist der Maßstab des Absoluten, weil sie selbst das Absolute ist. Wenn ich den Weg aus der Materie zu Geist gehe und in dem Geist das erleuchtete große helle Licht sehe und die Welt als ein Widerpart, aus dem ich komme und die leidvoll ist, dann wird das Leid schrecklich, und das ist die einzige Sünde, die es im Zen gibt: diese Trennung. Weil die Schöpfung ist genauso heilig wie der Geist, denn Geist und Schöpfung sind Eins. Das heißt: Unsere Welt ist der Zeuge unseres Weges, und die Zukunft dieser Welt entsteht aus dem jetzt in dem wir sind, und in dem was wir tun, denken, und vor allen Dingen in unserem Wollen, in der Intension.

Das Leben ist ein gewaltiges Geschenk, unser Zen, sitzen in Kraft und Stille, so wie wir es hier tun, ist den Frieden im Herzen zu finden, die Liebe zu finden, die nichts braucht, der Mut, der einfach da ist, weil alles Eins ist, die Erfüllung zu finden, weil nichts getrennt ist und wir von nichts getrennt sind, und die vollendete Freiheit, die immer ist, war und sein wird.

Nicht nur der Geist ist gleißendes Licht, alles ist Licht, alles, auch der Schmerz, und die Lust, und der Körper, und der unendliche Raum, offen und weit.

Vorträge von Zen-Meister Hinnerk Polenski

(In grün: sichtbar für Mitglieder des Daishin Zen Förderkreis e.V.)

Grundlagen des Rinzai Zen IV - Das Hannya Shingyo

Grundlagen des Rinzai Zen III - Koan

Grundlagen des Rinzai Zen II - Vom absoluten zum positiven Samadhi

Grundlagen des Rinzai Zen I - Absolutes Samadhi

Mut fassen, den Weg des Herzens zu gehen

Energie Tanken im Zen

Der Weg der Mitte in der Übung

Hara - die Erdmitte des Menschen

Rechte Anstrengung - Rechte Versenkung

Das Herz heilen

Was ist Kraft ? (II)- Raumunendlichkeit

Was ist Kraft ? (I)

Rechte Anstrengung - rechte Achtsamkeit - rechte Hingabe

Angst ist nicht die Antwort - Teil 2

Offene Gesellschaft - Angst ist keineAntwort - Antwort auf Fragen

Angst ist nicht die Antwort - Teil 1

Wenn das Viele zu Leerheit wird...

Wenn das Viele zu einem wird

Wenn das Viele zu einem wird - Teil 2 für Fortgeschrittene

Der Weg zur rechten Meditation: Rechte Anstrengung - rechte Achtsamkeit - rechte Versenkung

Der Weg zu unendlicher Freude

Kensho ist Wesens-Einsicht, Natur-Einsicht - Hinnerk Polenski

Samadhi - Die Jhana Stufen

Angst, Furchtlosigkeit, vollendete Freiheit - Hinnerk Polenski

Konzentration und Hingabe

Das Daishin Zen hat ein Zuhause -
Unser Zen-Kloster und Seminarzentrum im Allgäu

Entwickle das Heilsame - der Medizin-Buddha

Der Bodhisattva-Weg und Umgang mit unheilsamen Gefühlen

Der Umgang mit negativen und unheilsamen Gefühlen

Der Weg des Daishin Zen

Kraft und Energie

Wer bin ich - die große Leitfrage des Lebens

Liebe und Partnerschaft im Zen

Wachstum ist der Sinn des Lebens

Ohne Dürckheim würde es Daishin-Zen heute so nicht geben.

Köstlichster Wein