Daishin Zen Schule

Körper - Geist - Schmiede

Teisho - Zen-Meister Hinnerk Polenski
Vortrag auf dem gleichnamigen Seminar

 

Drei Worte: Körper Geist Schmiede. Der Körper ist etwas, was wir sehr unterschätzen. Das hat etwas damit zu tun, dass wir uns als Menschheit vor langer Zeit aus der Natur emanzipiert und den Geist kognitiv entwickelt haben. So haben wir uns dahin gebracht, wo wir sind, aber den Körper immer als Hindernis gesehen. Als den, der uns daran hindert, was unser Denken so vor sich denkt und vorstellt, umzusetzen. Also ich sitze beispielsweise irgendwo in der Sonne und denke, ich bin ein Held oder ich bin eine Wurst und plötzlich tut mein Knie weh oder ich merke, ich kriege eine Erkältung. Der Körper holt uns oft aus diesen Verstrickungen heraus, in denen wir so sind, und der Körper ist irgendwie lästig. Der Körper wurde lange Zeit in unserer Kultur als die Quelle von Leiden verortet, als das Primitive, als das Unkontrollierbare, als das Dunkle. Das wurde gleichgesetzt mit den Emotionen, mit Sexualität, mit Lust und wurde verteufelt und damit auch gleich das Weibliche und leider auch in vielen Zeitaltern noch heute auch die Frau selbst.

In dem Moment aber, wo wir wirklich krank sind, wo wir echte Schmerz haben, bricht dieses kognitive Geist-System zusammen und wir sind vollkommen hilflos. Die Vorstellung, dass man 23 Jahre alt und unsterblich ist, ist ein geiles Feeling. Aber es ist eine Illusion.

Ich lag selber mal im Krankenhaus, weil ich mir mein Knie beim Sport gefetzt habe. Da traf ich einen verletzten Fußballer und es war klar, dass er nicht mehr spielen konnte. Er ist so sehr zusammengebrochen, das habe ich noch nie erlebt.

Der Osten lehrt uns, besonders das Zen, dass der Körper der Trigger ist. Er ist nicht nur die Form oder die Erscheinung, in der wir hier auf Erden wandeln, sondern er ist auch die Erde selber, die Schöpfung und somit auch eine Quelle von Entwicklung. Damit meine ich jetzt nicht Liegestütze und die Entwicklung des Trizeps. Er ist nicht nur ein Träger, sondern eine Einheit von Entwicklung und Potenzial, mit dem wir hier geboren werden. Das heißt, der Körper hat eine gewaltige Auswirkung auf Geist und der Geist hat eine gewaltige Auswirkung auf Körper. Trennen wir das, sind wir machtlos.

Man nennt so jemand auch einen Spinner, wenn dieser nur im Kopf Quatsch denkt und Menschen auch begeistert, aber beim achten Mal denkt man: Was passiert jetzt? Die Wirkung, die Aktion ist der Körper – das dürft ihr nicht unterschätzen, er ist auch der Träger des Willens. Wenn wir einen Schritt weitergehen und die Ebene Geist öffnen, dann ist es so, dass im Englischen alle spirituellen Lehrer sagen: „A word like mind we don’t have“ oder „Mind doesn’t exist in Asia.“

Aber das Wort Geist ist geil. Es umfasst etwas, was den Aspekt des Kognitiven relativiert und viel viel größer greifen kann. Da ist unsere Tradition beispielsweise heiliger Geist. „Holy mind“ ist affig, aber heiliger Geist ist gigantisch. Aber um im Kontext von Körper Geist Schmiede den Aspekt Geist zu verstehen, ist es sehr wichtig zu erkennen, dass wir in unserer Zivilisation die Trennung zwischen Bewusstsein und Intelligenz vollziehen.

Wir haben das, was Geist ist, früher auf das rein Kognitive reduziert: „Cogito ergo sum“ (Descartes). Wir diskriminieren es weiterhin auf die Ebene von Intelligenz als Algorithmus, als ein System des funktionalen Umsetzens. Der Algorithmus, die Intelligenz, auch das, was der Gegenstand ist von Künstlicher Intelligenz oder „Artificial Intelligence“ ist nur ein Werkzeug. Auch hier sind wir wieder dem gleichen Fehler aufgelegen, dass wir glauben: Ja gut, also nur das Denken, das interessiert gar nicht mehr so, sondern der Prozess der Umsetzung ist der Schlüssel. Das ist das was uns ausmacht. Intelligenz macht uns aus und wir messen sie auch im IQ und so weiter. Aber das ist nur ein Teil und dieser Teil ist in der Tat letztlich in der Evolution ein Prozess. Es gibt eben genauso Ansätze der Intelligenz bei Tieren und bei uns Menschen ist diese sehr weit entwickelt, aber diese Ansätze gibt es eben auch inzwischen in der Computertechnologie und sie beginnen sich auch selbst zu entwickeln, das ist ganz normal. Nur wenn wir Menschen davor Angst haben, dann gucken wir auf die falsche Richtung, wir gucken auf die falsche Seite, weil Künstliche Intelligenz oder Intelligenz nur ein Teil ist, was uns ausmacht. Der andere Teil Bewusstsein ist der Sinn. Das eine ist das Werkzeug, der Weg, das Mittel – früher zum Überleben, heute behauptet man, zum Glück. Das funktioniert nicht, weil ich muss wissen, wohin fährt dieses Fahrzeug? Was mache ich mit dem Werkzeug, was mache ich mit dem Hammer und Meißel? Wenn ich mit dem Hammer und dem Meißel versuche, eine Wasseroberfläche zu bearbeiten, bin ich falsch.

Bewusstsein ist extrem unterschätzt, weil wir im Moment das Thema Bewusstsein einzig allein auf die Ebene der Esoteriktrötchen verorten. Da findet das irgendwie statt und dann gibt es in so einem Unternehmen ein bisschen diese Idee Glücksforschung und dann machen wir ein bisschen Mindfulness. Selbst diese beiden Dinge werden am Ende wieder instrumentalisiert in dieser Thematik von Intelligenz und System, aber der Sinn bleibt weg. Sinn ist der Schlüssel zu Glück, wir können nicht Glück entwickeln ohne Sinn. Das funktioniert nicht. Bewusstsein ist ein riesiges Feld und Geist ist die Einheit von Bewusstsein und Intelligenz. Sie bedingen einander, aber sie ermöglichen sich auch einander. Bewusstsein ohne Intelligenz ist Bewusstsein ohne Mittel. Nur Intelligenz ohne Bewusstsein ist ein Mittel ohne Ziel, blind.

Bewusstsein ist Macht, weil sie die Ursache des Machens ist, die Quelle des Machens ist. Wenn wir unser Bewusstsein nur eine kleine Ebene anheben, verhundertfachen sich die Möglichkeiten in der Wirklichkeit. Es gibt Menschen, die das berechnen, es gibt eine Skala von Hawkins, die so von 200 bis 1000 geht, das sind aber keine Stufen der Intelligenz, sondern Stufen des Bewusstseins. Bewusstsein ist wach, klar und unterliegt nicht den Gesetzen der Linearität im Rahmen von der Kausalität in Raum und Zeit. Kant hat gesagt, wir sehen die Wirklichkeit nicht so wie sie wirklich ist. Durch die Brille von Raum und Zeit und mit Hilfe des Verstandes konstruieren wir eine Dimension, und auch unsere Zivilisation ist in der Entwicklung eine Abfolge von Entwicklung von Mitteln, so wie wir von der Steinzeit das Rad und von dem Rad ein Pferd und vom Pferd eine Dampfmaschine und vom Auto ein Flugzeug und irgendwann eine Rakete entwickelt haben, so ist vielleicht ein Projekt Space Shuttle der Höhepunkt. Aber genau diese Evolution von Technologie ist auch in unserer Zivilisation: wie wir denken, wie wir wahrnehmen. Und es ist eine großartige Art und Weise von Entwicklung, aber in der heutigen Zeit begrenzt. Wir können mit diesem Mittel nur sehr schwierig die Herausforderungen lösen und aufheben, vor denen wir heute stehen. Bewusstsein allein ist in der Lage über diesen Dimensionen von Intelligenz-Technologie, so nenne ich das mal, in uns und in der Evolution des Menschen drüber hinwegzugehen, um eine neue Dimension zu öffnen, der dann die Intelligenz folgt, auf einem neuen Level. Wenn wir das Internet nehmen und Big Cloud, Big Data und Big Brother, dann und stellen wir uns vor, da kommt irgendwann ein Bösewicht und der kontrolliert dieses System. Oder wir versuchen zu verstehn, wie das ist. Wir probierern Siri aus bei Apple und denken, das funktioniert eh nicht, so weit sind die noch nicht. Wir begreifen nicht, dass wir als Menschheit das Ding schon lange nicht mehr kontrollieren. Die Summe der vernetzten Systeme, die wir Internet oder iPhone nennen und die gesamten Systeme in der Summe verstehen wir nicht mehr, es gibt keinen zur Zeit, der das durchdringt. Wissen, immer mehr Wissen. Wer benutzt das Wissen? Da bauen wir jetzt Algorithmen, die das dann für uns verstehen. Wir brauchen eine andere Dimension, wir können dieses System nicht linear durchdringen.

Wir selber können in dem Bewusstsein einen Raum vergrößern für eine andere Dimension von Intelligenz, die dann in eine Einheit geht. Einstein hat gesagt: „In dem Bewusstsein, in dem wir ein Problem geschaffen haben, können wir es nicht lösen.“ Das ist die Herausforderung und das ist die Bedeutung von Körper-Geist, und Schmiede heißt – nachdem ich Einstein zitiert habe, will ich noch mal den fast vergessenen Bertolt Brecht zitieren: „Die Morgenröte einer neuen, besseren Zeit kommt aber nicht, wie das Morgenrot kommt, nach durchschlafener Nacht.“

Die Schmiede ist das Synonym für die Übung, für das Training. Übung heißt, ich bin noch nicht da, das kann ich noch nicht, das geht noch nicht. Übung ist der großartige Weg, ich kann diesen Weg gehen, ist das Synonym für Weg, das Synonym für Entwicklung. Übung ist für uns Menschen in der Dimension von Körper Geist Schmiede das Synonym, dass wir Menschen ein außergewöhnliches Potenzial haben und gleichzeitig einen Weg dazu. Der Weg hat seine Wurzeln in einer Jahrtausenden alten Entwicklung des Zen. Und heute und hier in der Weiterentwicklung im Sinne der Neuanforderung unseres Zeitalters.

Deshalb ist Körper Geist Schmiede eine Einheit, alles drei gehört zusammen. Nur Körper: nichts, nur Geist: nichts. Körper und Geist zusammen: Ja, da bin ich auf einem bestimmten Niveau. Schmiede heißt Veränderung. Schmiede heißt: Aus Eisen wird Stahl. Oder aus Eisen wird ein filigranes Muster für ein großes Tor oder Scharniere für ein Tor oder ein Tor selbst.

Vorträge von Zen-Meister Hinnerk Polenski

(In grün: sichtbar für Mitglieder des Daishin Zen Förderkreis e.V.)

Körper - Geist - Schmiede

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