Daishin Zen Schule

Energie Tanken im Zen

Teisho - Zen-Meister Hinnerk Polenski
Yin Zen Seminar "Energie tanken. Die Grundlagen des Zen" im Februar 2017

 

Himmel ist Geist und Erde ist Schöpfung

Die große Herausforderung unserer westlichen Zivilisation ist, dass wir die Einheit von Geist und Körper trennen; gleichzeitig auch die Dimension des Körpers im Sinne von Erde, Schöpfung nivellieren und den Geist, früher als heiligen Geist, heute mehr und mehr als ein ego-intellektuelles Gewusel da drüber erhöhen.

Alles ist eins.

Der moderne Mensch hat sich von seinem Körper getrennt, er hat sich auch von der Erde getrennt und der ursprünglichen Schöpfung. Er hat gelernt, dass der Intellekt, das Ich, das Denken, die Welt strukturieren kann. Es ist ein bemerkenswertes Werkzeug, das sich heute mehr und mehr in ein Forum von elektromagnetischen Wellen auslagert, außerhalb des Menschen in Form von iPhone, iCloud und auch KI - künstlicher Intelligenz. Der Mensch im Westen versucht mehr und mehr, über das Denken die Welt zu machen. Als Werkzeug ein wunderbarer Weg, als alleiniger Ebene des Ichs zutiefst leidhaft.

Die Trennung von Körper und Geist und von Körper und Erde bedeutet nichts weiter, als dass ich mir in meinem Kopf eine Welt mache, so wie sie mir gefällt. Aber die Erde und die Wirklichkeit scheißt darauf, was ich gut, richtig, und gut und wunderbar und angenehm empfinde; die Welt, alles geht seinen karmischen Weg, so wie es eben durch Ursache und Wirkung ist, und kümmert sich nicht um unseren Versuch, sich davon abzuheben. So entsteht eine Verstiegenheit unseres Ichs in Form von Denken und Strukturen, von Gefühlen, die, wenn man Glück hat und auch die richtige Verbindung sich in der Welt manifestiert durch Strategien und Planungen funktioniert, aber meistens häufig vollkommen weltfremd ist. Seit 2008 merken wir, dass die großen Planungen und Ausrichtungen und Strategien - so selbstsicher sie von den Führungskräften von Wirtschaft und Politik formuliert sind - nichts weiteres sind als ein anderes Wort für totale Planlosigkeit und Orientierungslosigkeit. Also ganz genauso, wie viele Menschen sich fühlen, dass man die Zukunft sieht und denkt, was passiert morgen. Wir versuchen, Rente und Strukturen zu planen, und das ist ja auch alles erst einmal richtig; nur wenn wir es verabsolutieren und dabei die Verbindung zur Welt verlieren, nämlich die Flexibilität zur Wirklichkeit, dann stellen wir irgendwann fest, dass wir einem Konzept folgen, das es gar nicht mehr gibt, das gar keinen Boden mehr hat.

Leiden entsteht durch die Trennung eines Ichs und seiner Ich-Welt von der Wirklichkeit. Wie kriege ich eine Einheit hin von mir und Welt und Wirklichkeit und von allem? Nicht allein dadurch, dass ich in der Meditation in eine Einheit komme - das ist eine Idee, ein Hauch von Idee, sondern indem ich alles mitnehme.

Die Größe des Ostens, besonders des chinesischen Chan und des japanischen Zen, bestimmter taoistischer Strömungen und einiger anderer spirituellen Wege ist, dass auch die Menschen dort diesen Gegensatz von Materie auf der einen Seite und Geist auf der anderen Seite schon spüren. Der Geist, der Unsterblichkeit will, der die Dinge so möchte - und die Erde und die Wirklichkeit und der Körper und die Materie einen anderen Weg gehen. Kein Mensch möchte sterben und alt werden, und das schmerzhaft. Kein Mensch möchte arm sein, kein Mensch möchte einsam sein. Aber das, was wir uns in unserem Kopf denken, ist nicht die Lösung: Wir müssen in die Wirklichkeit gehen.

Wir müssen erkennen, dass wir, ich und Wirklichkeit eine Einheit ist, die künstlich getrennt ist, und diese künstliche Trennung ist die essenzielle Ursache für Leid. Es ist nicht die Lösung, in eine Spiritualität zu gehen, die sich vom Körper löst und irgendwo noch tollere Sachen erlebt, dann können wir ja auch eine Pille einschmeißen. Sondern der Schlüssel des japanischen Zen ist, den Körper mitzunehmen. Der Schlüssel - den Körper mitzunehmen, bedeutet, irgendwann zu erkennen, dass ihr auch die ganze Erde mitnehmt, dass ihr mit Materie, Erde, Schöpfung, in diesen Einklang hinein kommt. Aber der findet nicht im Kopf statt, sondern der findet hier statt.

Der Osten erkennt, dass der Weg zu Leidfreiheit, zu tiefer Erfüllung und Freude, die Überwindung der Gegensätze von Materie und Geist, von Körper und Geist ist. Aber erst einmal stehen die beiden sich gegenüber. Wenn ich verliebt bin und meine Freundin sich von mir trennt, dann ist das erst einmal Leid, und das ist etwas außen, das sich von mir entfernt, was in meinem Herzen sich nicht entfernen soll. Von etwas getrennt zu werden, was wir lieben, ist Leiden, genauso mit etwas verbunden zu sein, was wir nicht lieben, ist Leiden. Die Alten - zur Zeit, als das Tao und das Chan, das Lohan Qigong und das alte Chan, als die alte Meditation noch eins war - die alten Weisen erkannten, dass es zwischen These und Antithese, zwischen Materie und Geist eine Brücke gibt: nämlich die Synthese, und diese Synthese ist Energie.

Energie ist nicht ein psychischer, mentaler Zustand, den wir haben - das ist Stimmung, darum geht es hier nicht – sondern es ist die Einsicht, dass alles reine Energie ist. Der unendliche Raum selber ist reine Energie, und alles ist dieser unendlicher Raum. Wir sind mitten in dieser Energie drinnen. Materie und Energie sind das Gleiche, aber Energie und Geist sind auch das Gleiche. Diesen Geist zu erfahren ist die Meditation, und in dieser Meditation diese Energie zu öffnen, ja diese Energie zuzulassen, und dann diese Energie, die eine Farbe bekommt, eine Farbe vom Geist, eine Farbe von Herz in den Körper hinein zu schmieden, in jede einzelne Zelle, das ist der alte Weg, der heute aktueller ist denn je. Natürlich ist der westliche Mensch verwöhnt, weil er erlebt die Welt vielleicht auf einer PlayStation 4+, in dem er auf 4K in irgendeiner Welt Schwertkampf betreibt. Aber wenn ich Schwertkampf betreibe, ist es mühselig - alleine das Trainieren, wir müssen unseren Körper mitnehmen, und wir müssen darüber hinausgehen, dass das in irgendeiner Art und Weise mühselig ist, denn es ist nicht mühselig, es ist absolut geil, es ist kraftvoll. Und ohne Körper ist keine Materie und keine Welt. Dann leben wir in einem Nischenbereich, der immer leidvoller wird, je älter wir werden.

Aber wenn ihr den Chan, den Zen-Weg geht, ist jede Sekunde, die ihr altert, Weisheit. Mein Lehrer wird in drei Wochen 103 Jahre alt, und er weigert sich in Pension zu gehen, er bildet noch junge Mönche aus, 20, 30 Jahre alt, scheucht die durchs Kloster. Das ist Leben, Altern ist die Verbundenheit mit Materie, in der Geist zunimmt, aber auch die Verbindung nimmt zu, und die Basis legt ihr jetzt. Zazen, die Meditation, ist die Erfahrung von Geist, und dort die Kraftquelle zu öffnen, und dann in die Dynamik zu gehen. Dann wird plötzlich das, was wir als mühevoll empfinden, keine Mühe, sondern es ist Dynamik, es ist Flow. Dass etwas anstrengend ist, ist ein Konzept.

Es gibt viele wunderbare Übungen - eine der einfachsten wunderbarsten Übungen ist aus dem Seiza (Kniesitz) - ohne Bänkchen - in Meditation sitzend, direkt aus dem Hara in einen Zeitlupen-Liegestütz zu gehen, indem ich auf das Core achte, indem ich auf die Kraftmitte achte, aufs Hara, auf den Rectus abdominis, den Sixpack unteres Drittel - langsam tief und wieder hoch, bis die Energie durch jede Zelle fließt. Energie und Körper verbinden sich und Geist gibt die Farbe, die Färbung, die Intention vor. Wenn ich Qigong auf einem Stuhl sitzend mache, kann ich genauso gut auf der Toilette sitzen, oder Fernsehen glotzen - es ist Zeitverschwendung. Je mehr ich den Körper spüre, desto tiefer ist die Einheit; das ist der Grund, warum wir in dieser Form sitzen. Wir können auch auf der Couch Zen machen, dann könnt ihr noch eine Dose Bier aufmachen und Fernsehen an. Das führt zu nichts. In dem Maße, in dem ihr den Körper spürt und Energie öffnet und Geist strahlt, entsteht Freiheit, Freude und Erfüllung.

Stille und Dynamik, das ist Rinzai Zen.

Vorträge von Zen-Meister Hinnerk Polenski

(In grün: sichtbar für Mitglieder des Daishin Zen Förderkreis e.V.)

Grundlagen des Rinzai Zen IV - Das Hannya Shingyo

Grundlagen des Rinzai Zen III - Koan

Grundlagen des Rinzai Zen II - Vom absoluten zum positiven Samadhi

Grundlagen des Rinzai Zen I - Absolutes Samadhi

Mut fassen, den Weg des Herzens zu gehen

Energie Tanken im Zen

Der Weg der Mitte in der Übung

Hara - die Erdmitte des Menschen

Rechte Anstrengung - Rechte Versenkung

Das Herz heilen

Was ist Kraft ? (II)- Raumunendlichkeit

Was ist Kraft ? (I)

Rechte Anstrengung - rechte Achtsamkeit - rechte Hingabe

Angst ist nicht die Antwort - Teil 2

Offene Gesellschaft - Angst ist keineAntwort - Antwort auf Fragen

Angst ist nicht die Antwort - Teil 1

Wenn das Viele zu Leerheit wird...

Wenn das Viele zu einem wird

Wenn das Viele zu einem wird - Teil 2 für Fortgeschrittene

Der Weg zur rechten Meditation: Rechte Anstrengung - rechte Achtsamkeit - rechte Versenkung

Der Weg zu unendlicher Freude

Kensho ist Wesens-Einsicht, Natur-Einsicht - Hinnerk Polenski

Samadhi - Die Jhana Stufen

Angst, Furchtlosigkeit, vollendete Freiheit - Hinnerk Polenski

Konzentration und Hingabe

Das Daishin Zen hat ein Zuhause -
Unser Zen-Kloster und Seminarzentrum im Allgäu

Entwickle das Heilsame - der Medizin-Buddha

Der Bodhisattva-Weg und Umgang mit unheilsamen Gefühlen

Der Umgang mit negativen und unheilsamen Gefühlen

Der Weg des Daishin Zen

Kraft und Energie

Wer bin ich - die große Leitfrage des Lebens

Liebe und Partnerschaft im Zen

Wachstum ist der Sinn des Lebens

Ohne Dürckheim würde es Daishin-Zen heute so nicht geben.

Köstlichster Wein