Daishin Zen Schule
05.09.2013

Der Weg von Geist in Materie ist Heilung, ist Schöpfung

Wie der Medizin-Buddha hilft, unsere Herzen zu heilen
von Zen-Meister Hinnerk Polenski

Geist wird zu Materie. Geist strebt, Herz heilt. Der Weg von Materie zum Geist ist Befreiung, ist Ewigkeit. Der Weg von Geist in Materie dagegen ist Heilung, ist Schöpfung. Diesen Teil dürfen wir als Menschheit nicht mehr vernachlässigen. Diesen Teil dürft Ihr nicht vernachlässigen. Leben selbst, die Liebe, die Einheit in der Vielheit der Schöpfung selbst, die Erleuchtung in der Vielheit. Yin und Yang, männlich und weiblich müssen wieder in Ausgleich kommen. Ein wichtiger Helfer und Heiler auf diesem Weg ist der Medizin-Buddha.

Grundsätzlich sagt der Buddha: „Leiden entsteht durch die drei Geistesgifte Gier, Hass und Verblendung.“ Was bedeutet die Manifestation der drei Geistesgifte? Auf der einer Seite seelische, geistige und psychische Krankheiten und auf der anderen Seite körperliche Krankheiten. Deshalb ist es auch so, dass in Asien ein Medizin-Buddha wie ein Arzt aufgesucht wird, um Krankheiten zu kurieren. Nur, der Buddha heilt nicht die Krankheit, sondern die Ursache. Das ist ganz wichtig. Also es geht nicht um Wunderheilung.

Auf der seelisch-geistig-psychischen Ebene gibt es zwei verschiedene Ausrichtungen. Yin und Yang. Mond - Yin, Sonne - Yang. Und entsprechend kann seelisch-geistig-psychische Krankheit eine Yin Ausrichtung haben. Das ist die Selbstentwertung, die Entmutigung, die Verzweiflung, das Phlegmatisch sein. Und im Phlegmatischen erst autoaggressiv und am Ende depressiv, Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit. Und im Yang ist es das genaue Gegenteil. Es ist Ruhelosigkeit, Heimatlosigkeit, Getrieben, Rastlos - im Außen zerstörend, verstörend, spaltend.

Die geistig-spirituelle Krankheit ist weitgehend unbekannt, aber oft akut

Auf der körperliche Ebene unterscheiden wir vier Formen von Krankheiten. Es gibt genetische Schwächungen, die wir haben über Generationen, die wir erleben, sogenannte Sollbruchstellen, die uns ermahnen, in unserer Mitte zu bleiben. Die zweite Ebene von Krankheiten sind kausale, das heißt, ich rauche, und irgendwann ist der Schaden in meiner Lunge so, dass sich eine Wirkung, eine Krankheit zeigt. Die dritte Ebene sind die psychosomatischen Krankheiten. Hier wird die Interaktion, die Wirkung von Geist und deren Gifte im Außen und im Innen besonders deutlich. Und die letzte Krankheit, die ist unbekannt, die nenne ich die geistlich-spirituelle Krankheit.

Der erste Pionier, der darauf hingewiesen hat ist Graf Dürckheim in seiner Initiatische Therapie. Wenn die Seele, das Wesen, keinen Raum hat, in dieser Welt zu wachsen, dann stirbt der Körper. Geistlich spirituelle Krankheiten sind ebenfalls tödlich und zutiefst leidbringend. Und genau in dieser Ebene, besonders in dieser geistlich-spirituellen Ebene, wo es in uns innere Blockaden gibt, die unsere Entwicklung, unseren Weg, behindern - Verletzungen, Programme -, und eben auch auf der psychosomatischen Ebene und der der genannten seelisch-geistig-psychischen Krankheiten kann ein Medizin-Buddha in unglaublich großartiger Form wirken, heilend wirken, die Ursache auflösend.

Wenn das Herz gefangen ist

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, warum ein Medizin-Buddha für unsere westliche Welt sehr geeignet ist. Ein ganz wesentlicher Weg für die Menschen in Europa ist die Befreiung des Herzens. Was heißt Befreiung des Herzens? Es setzt etwas voraus: Das Herz ist gefangen.

Es gibt immer mehr das Problem - und deshalb habe ich, wie ihr wisst, auch eine sehr kritische Meinung zur Esoterik, in der sich nicht nur ein Haufen Scharlatane tummeln, sondern auch begabte spirituelle Lehrer – das Phänomen, dass Menschen eine Herzberührung, eine Herzöffnung erleben. Sie erleben für einen Moment die große Einheit und das ist großartig. In der Hinsicht ist die breite Ebene der Esoterik immer auch eine Pionierbasis. Gleichzeitig aber kommt es immer häufiger vor, dass Menschen, deren Herz berührt wurde, in einer tiefe Krise kommen, spirituelle Krise genannt, bis zu Depressionen.

Warum ist es so? Na ja, weil die Verletzung eben nicht nur eine körperliche ist und nicht nur eine Verletzung in unserer Persönlichkeit, unserem Ego, sondern auch eine Verletzung, ein Trauma, die ein spirituelle Dimension hat. Und das Herz ist das Tor zwischen unser Person, unserem Ego und dem Transpersonalen, Transzendenten, Spirituellen. Und sehr oft liegen dort die Verletzungen um unser Herz herum.

Die Öffnung des Herzens bedeutet oft auch großen Schmerz

Wenn ich jedenfalls mein Herz einfach öffne, weil eine Öffnung da ist und eine Sehnsucht, öffnet sich ein Licht vollkommener Liebe - In gleichem Maße werden aber alle Dimensionen von Schmerz, von Verletzung, von Vergessenem, Traumatisiertem, ja sogar Dissoziiertem, also Teile von unserer Persönlichkeit, die wir gar nicht mehr sehen können, angeleuchtet, und das ist ein gewaltiger Schmerz. Und das Herz - weil es auch nur ein Moment des Aufleuchtens war - verlischt wieder und es bleibt dieser Schmerz. Das ist doch verständlich. Und deshalb lehren die Meister und besonders im Zen die Erdung.

Erdung schützt

Bevor ich den spirituellen Weg gehe, lerne ich, wie ich mich erde. Dieser Weg heißt im Daishin Zen „das geerdete Herz“. Und zusätzlich zu dieser Erdung kann an einer Stelle, an der dieser Schmerz zu stark ist, der Medizin-Buddha wirken. Er öffnet auf einer speziellen Ebene unser Herz, nämlich nur auf der heilenden. Es ist erstmal keine Explosion von Herzlicht, sondern ein kleiner Schritt innerer Heilung, die alles das, was in mir körperlich, psychisch, psychosomatisch, spirituell verletzt ist, heilt. Die Öffnung des Medizin Buddhas ist ungefährlich. Sie ist zart, sie ist sanft.

Von dort ausgehend kann ich dann in große Felder der anderen transzendenten Buddhas gehen, um dann das Tor zu öffnen. Und wenn ich durch das Tor schreite, dann verschwinden alle Buddhas. Dann gehe ich ganz allein als Mensch, barfuß durch dieses große Tor.

Wir haben das Glück, dass wir in Japan eine Verbindung durch meinen Lehrer haben, die keine Enge sondern Weite bedeutet. Mein Lehrer steht mit vielen großen Meistern in Kontakt. So konnte ich z.B. den Erzabt des Tendai-shu auf den heiligen Berg Hiei-San in diesen Jahr im März besuchen. Saicho, ein junger Mönch im achten Jahrhundert, baute auf diesem Berg über Jahre einen Tempel und schnitzte mit eigener Hand eine wunderschöne Medizin-Buddha Statue. Hoch auf diesem Berg und in diesem Berg in einem Tal tief gelegen liegt dieses Zentrum. Und am frühen Morgen, es war recht kalt, bin ich mit Freunden und vielen anderen Meistern anderer Linien dort gewesen. Ich habe eine Dimension von Erdung erlebt, wie ich so nie zuvor erlebt habe.

Erdung ist Yin – und mit Yin heilen wir die Welt

Da ist mir ist bewusst geworden, dass alle Spiritualität, selbst die Herzwege, nicht Yin, nein: Yang sind. Alles strebt nach oben. Alles Om, alles Himmel. Alles verlässt die Erde. Und wir wundern uns darüber, wie diese Erde aussieht. Es ist Unwissenheit. Es gibt so viele Menschen, die ganz weich sind, voller Herz und trotzdem: in ihrer Intention ist es Yang Energie. Himmelenergie, Yang. Verloren haben wir die wirkliche weibliche Erdung, Yin. Und das ist eine Heilung, die mehr ist als unsere Heilung - sondern auch eine Heilung unserer Welt.

Maria Hippius, die Frau von Graf Dürckheim sagte mir einmal: „Wenn die Religionen Mann-männlich werden, stirbt die Welt.“ Heilung ist der Ausgleich. Mond-Bodhisattva , Sonnen-Bodhisattva, der Medizin Buddha, ganz individuell für uns die Heilung von uns selbst als Heilung der Schöpfung und dieser Welt.

Die Buddha-Felder sind grenzenlos, wunderschön und rein

Wie aber heilt der Medizin-Buddha? Ich meine nicht die historische Figur, ich meine die Bedeutung des Wortes, den dahinterliegenden Sinn. Buddha ist das große Hilfsmittel der transzendenten Dimension unseres eigenen Selbst, manifestiert in gewaltigen großen Feldern, das bezeichnen wir mit dem Wort Buddha. Diese Felder oder Buddhas, die aus den asiatischen Traditionen stammen, sind ein wesentlicher Bestandteil des Daishin Zen. Die Buddha-Felder an sich sind grenzenlos, wunderschön und rein. Sie haben Schwerpunkte und diese Schwerpunkte kann ich öffnen.

Im Daishin Zen gibt es drei Buddhas, die an ersten Stelle stehen: Amida, der Buddha der Liebe, der Einheit. Akshobhya, der Buddha des Friedens und Vairocana, der Buddha der Freiheit, sowie der Übergang aus diesem Feld wieder heraus in das feldlose Feld, in die absolute Leerheit.

Es gibt noch weitere Dhyana Buddhas, aber diese drei sind sehr wichtig. Zwischen Amida und Akshobhya sitzt der Medizin-Buddha, japanisch: Yakushi Nyorai, in Sanskit: Bhaisajyaguru Buddha. Im Zuammenhang mit dem Medizin-Buddha ist im Daishin Zen allein die Initiation dieses Feldes maßgebend. Es gibt keine kulturellen Interpretationen, keine Sutren. Denn es geht nicht um Theorien, Gelöbnisse und irgendwelche Geschichten, sondern um das reine, heilende Feld selbst. Trotzdem ist es erlaubt, es zuzuordnen in Symbolen. Und so reduziert sich im Daishin Zen (angelehnt an die Einordnungen des tibetischen Buddhismus) der Buddha auf Farben, auf Mudra und das Verhältnis zu den anderen transzendenten Buddhas. Und in der Essenz auf das Mantra, auf das Feld, das sich über unser Herz öffnet, um uns zu heilen.

Das Mantra ist ein Schlüssel, kein absolutes Heilmittel

Es gibt ein Mantra, das ist der Schlüssel, die Initiation zu diesem. Bitte, ein Mantra ist nicht absolut. Das Mudra eines Buddhas ist nicht absolut und das Aussehen ist nicht absolut. Das Feld ist transzendent absolut. Aber diese Symbole, Farben und Formen und Mantra sind von und für uns Menschen geformte Schlüssel, die durch den Meister und die Dharma Linie initiiert sind. Und die mit der Übung und der Vertiefung der Initiation mehr und mehr funktionieren - vor allen Dingen auch im Alltag.

Im Daishin Zen weichen wir ein wenig ab von der alten Tradition, befindet sich der Medizin Buddha zwischen dem rot-golden gefärbten Amida und dem blauen Akshobhya. Von Amida schöpft er die Heilkraft der Liebe und trägt deshalb auch eine goldene Robe, das Symbol des Amida, der liebenden heilenden Kraft. Aber er hat komplett die Farbe des Akshobhya, der alles Zerstörerische in uns und um uns auflösen kann. Sein Mudra im Daishin Zen sehr schlicht: Die linke Hand als Meditationshaltung. Und die rechte Hand ist geöffnet in der Geste der Wunschgewährung, der Schutzgewährung. Manchmal hält er auch eine Pflanze in der rechten Hand.

Entscheidend aber ist seine Wirkung. Der Medizin-Buddha hat die Kraft, alle Lebewesen von den drei Geistesgiften zu heilen. Speziell dann, wenn diese Geistesgifte eine starke Manifestation erreicht haben. Der Medizin-Buddha ist eine Art Notanker. Er vereint die Kräfte aller drei beschriebenen Dhyana Buddhas. Es ist eine heilende Medizin.

Die drei Geistesgifte sind eben nicht nur die Verwirrung des Nicht-Erkennen unseres Wesens, das was der Buddha als Wahn bezeichnet und sagt… Der Buddha ist wie ein Arzt und sagt: „Die Menschen sind verrückt, sie sind krank, sie erkennen nicht, wer sie sind, sie laufen umher, vollkommen verloren. Sie wissen nicht woher sie kommen, sie wissen nicht wo sie hin gehen. Vor allem sie wissen nicht, was jetzt hier ist.“ Das ist der normale Weg der Befreiung, die Ausrichtung auf Bodhicitta, auf Erleuchtungsgeist, der uns Befreiung gibt. Aber wenn die drei Gifte sich sehr stark manifestieren, dann kann diese Ebene des Medizin-Buddhas Heilung verschaffen.

Dieser Artikel basiert auf einem Teisho (Lehrvortrag), gehalten auf dem Daishin Zen Sommer Sesshin, 30.6.2013

Dieser Vortrag als Video auf YouTube

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