04.06.2012

Von der Form in die Freiheit

Von Fleur Sakura Nenge Wöss

Das Leben spielt sich für viele von uns zwischen zwei Extremen ab. Auf der einen Seite steht das Strukturierte, Geordnete, das uns Kontrolle und Übersicht erlaubt und auf der anderen Seite das Spontane, Chaotische, das Entwicklungsschritte ermöglicht und uns das Gefühl des lebendig Seins vermittelt.

Das Strukturierte, Geordnete ist bei vielen Menschen negativ besetzt. Es erinnert an enge Zeiten, an Gehorsam, Militarismus und „alle über den gleichen Kamm scheren“. Die „Form“ stößt daher zunächst einmal bei Zen- Einsteigern auf große Skepsis. Die „Form“ im Zen, vor allem in der Trainingsperiode des Sesshin, also in Zeiten mehrtägiger konzentrierter Zen-Übung, ist die Art und Weise wie wir „sitzen“, wie wir uns im Zendo bewegen, wie wir essen und gehen.

Ausgehend von der Sitzmeditation wird in einem Sesshin alles Übung. Die Form ist die Leitlinie, wie wir uns in der Übung vervollkommnen. So wie ein Slalomfahrer viele tausende Male den Hang gleich hinunterfährt, und so seine ideale „Form“ findet, so unterstützt uns die Zen-Form, uns immer mehr auf unseren Körper zu verlassen. Tausendmal das Zendo betreten, verbeugen und die Matten entlang gehen – und jede Zelle lernt dabei, die Bewegung mit 100% Bewusstheit zu vollziehen. In diesem Prozess bleibt die Form nicht das Extrem des Strukturierten, Geordneten, sondern in der Form verbindet sich das Strukturierte mit dem Lebendigen, der Geist mit dem Körper, der Wille mit der Absichtslosigkeit. Die zwei vermeintlichen Extreme werden eins, die Form füllt sich mit Leben.

Die Form hat drei Aspekte durch die sie unsere Zen-Übung unterstützt.

Konzentration

In der Zen-Übung geht es um wache Konzentration. Die richtige Haltung beim Sitzen und das Verhalten im und außerhalb des Zendo unterstützt genau diese Konzentration.

Wenn alle das Gleiche tun, müssen wir nicht über unwesentliche Dinge nachdenken, und wir können uns konzentrieren. Im Gegensatz dazu sind wir im Alltagsleben dauernd mit neuen Eindrücken konfrontiert. Wir sehen die Menschen in der Straße, die Werbung auf einem Plakat, die Bewegung der Autos. All dies produziert Eindrücke, die wir dauernd wahrnehmen, bewerten und verarbeiten müssen. In den Sitzrunden und ganz besonders in einem Sesshin soll diese Arbeit der dauernden Informationsaufnahme zur Ruhe gebracht werden. Die Form ermöglicht uns, uns in der Stille nur auf ein Ding zu konzentrieren, nämlich in der Übung zu bleiben.

Klarheit

Wenn jeder im Zendo das Gleiche tut, ist es nicht notwendig zu denken „warum verbeugt sich diese?“ oder „soll ich schnell oder langsam die Matten entlang gehen?“ Aus der konzentrierten Form aller Teilnehmer entsteht eine Form der Gesamtheit. Die Bewegungen jedes einzelnen reduzieren sich nach und nach auf das Notwendige. Es ertönt das Klangsignal und wir setzen uns. Ohne hin und her zu schauen, ohne diese und jene Falte noch einmal und noch einmal zu richten. Aus der Reduktion der Ablenkungen entsteht ein klarer Raum. Diese Klarheit nimmt bei einem Sesshin von Tag zu Tag zu. Die innere Klarheit, die auch mit der Beruhigung der Gedanken von Stunde zu Stunde zunimmt, spiegelt sich in der zunehmenden Klarheit der äußeren Form wieder.

Sicherheit

Die Abläufe wiederholen sich, das Programm eines Sesshins bleibt zu 90% gleich. Wir müssen uns nicht mehr damit beschäftigen, um wie viel Uhr was geschieht. Das Essen ist zur gleichen Zeit. Der Beginn des Zazen bleibt immer gleich. Ein Rhythmus entsteht. Wir fühlen uns in diesem Rhythmus geborgen.

Wir wissen, dass die Jikijitsu, der oder die Verantwortliche im Zendo, alle 25 Minuten die Runde ausläutet. Wir kennen den Rhythmus, wir kennen die Form. Die Gedanken, WIE etwas zu tun ist, werden weniger. Die Form gibt Sicherheit. Es ist möglich, sich in die Form „fallenzulassen“, sich sicher zu fühlen.

So entwickeln viele Zen-Neulinge im Laufe eines Sesshins langsam ein Verständnis für die praktischen Aspekte der Form. Nach einigen Jahren der Zen-Praxis verstehen wir, dass die Form es uns ermöglicht, durch das Tor der Form in die Nicht-Form zu gehen. Oder wie der chinesische Zen-Meister Mazu Daoyi (Baso Doitsu, 8. Jh.) sagte: „In die Form hineingehen, aus der Form herausgehen und Freiheit erlangen.“

Zur Autorin:

Fleur Sakura Nenge Wöss, Meditationslehrerin des Daishin-Zen und Leiterin des Daishin Zen-Zentrums Wien. Dr. Fleur Wöss ist Vortrags-Coach und Lehrbeauftragte für Japanologie. Sie ist seit vielen Jahren Schülerin von Hinnerk Syobu Polenski, sie leitet und gestaltet Sesshins des Daishin Zen. Fleur Wöss ist Autorin von „Der souveräne Vortrag“, Linde-Verlag Wien 2004 und „Nippons neue Frauen“, Rowohlt 1990, sowie von zahlreichen Fachartikeln wie z.B. „Mit Zen zum gelassenen Redner“, in: Nikolaus B. Enkelmann (Hg.): Die besten Ideen für erfolgreiche Rhetorik, Gabal 2011. Sie übersetzte die Novelle „Sawako Ariyoshi: Die drei Alten“, Galrev Verlag 1989.


01.08.2017
Meditieren lernen - Das geerdete Herz

30.07.2017
Betriebsruhe und Klausur

29.07.2017
Meditieren Lernen

09.06.2017
Zen-Kloster Buchenberg und Zen-Meister Hinnerk Polenski im SWR

15.05.2017
Neuerscheinung: Das Leben ist ein Geschenk

30.03.2017
Shiroto - als Laie im Zen-Kloster

01.03.2017
Auszeit im Zen-Kloster

17.02.2017
Energie Tanken im Zen - Zen-Meister Hinnerk Polenski

31.12.2016
Winterpause im Zen-Kloster Buchenberg

30.11.2016
Das Herz heilen

12.10.2016
Rechte Anstrengung - Rechte Achtsamkeit - Rechte Hingabe

01.10.2016
Nachlese: Dancing Buddhas - Das Daishin Zen Sommerfest 2016

01.09.2016
Krankheit und Dharma — Unterstützung oder Widerspruch?

30.08.2016
Führung ist Verantwortung und der Beginn ist die Selbstverantwortung

15.08.2016
Abschied von Ulrike Jiun Wischer

22.06.2016
Neuerscheinung: Die Zen Gebote des Kochens

21.06.2016
Rinpoche Sangngag Tenzin zu Gast im Zen-Kloster

20.06.2016
Kreativität ist die Schöpfung aus dem Potential der Gegenwart

01.06.2016
Wir sind Krieger des Lichts. Wir sind Licht.

31.03.2016
Angst ist nicht die Antwort - Ein Zen-Sesshin im Norden

29.03.2016
Eröffnung einer Zendo in Salzburg

05.02.2016
Rohatsu Sesshin 2016: Wenn das Viele zu Einem wird...

21.12.2015
Reiko Mukai Roshi zu Gast im Daishin Zen Kloster

20.12.2015
Meister Rinzais Erleuchtung

19.12.2015
Weihung der fünf Dhyani-Buddhas im Zen-Kloster Buchenberg

17.09.2015
Der Weg zur rechten Meditation

13.09.2015
Ein Kloster entsteht – der Sommer im Daishin Zen Kloster und Seminarzentrum Buchenberg

10.09.2015
Im Land der Teezeremonie – Japan entdecken - ein Reisebericht

31.05.2015
Der Weg zu unendlicher Freude

25.05.2015
Der Weg des Zen und die Dhyani-Buddhas

21.05.2015
Nepal nach der Katastrophe - Botschaft von Sangngnak Tenzin Rinpoche

20.05.2015
Ein Buddha für jeden Tag - Ein atemberaubendes Museum in Traben-Trarbach

27.03.2015
Klostertor-Einweihung in Buchenberg

25.03.2015
Nachklang vom Dezember-Rohatsu 2014 - und ein neuer Meditationslehrer des Daishin Zen

22.03.2015
Viele neue Zendos des Daishin Zen entstehen - Und Daishin Zen Stuttgart hat ein eigenes Zentrum

20.03.2015
Hinnerk Polenski - Herzweisheit, der Weg im Glück

09.02.2015
Snowy Zazen – Rohatsu im Seminarzentrum Buchenberg

28.11.2014
Samadhi - die Jhana-Stufen

27.11.2014
Eine Vision ist lebendig geworden - die ersten Zen-Seminare im Daishin Zen Seminarzentrum Buchenberg

26.11.2014
Weisheit und großes Herz

12.08.2014
Klosterweihe durch zwei Zen-Meister

03.08.2014
Die Sangha legt Hand an

01.08.2014
Die Angst vor dem Leben besiegen

27.05.2014
Freude ist der Motor | Übung ist Anstrengung auf dem Weg in die Freiheit

28.03.2014
Das Leben ist ein Geschenk

23.03.2014
In der Mitte liegt die Kraft: Mit Zen gelassen bleiben in der Arbeitswelt

28.02.2014
Das Daishin Zen-Kloster und Seminarzentrum Buchenberg/Allgäu - Erste Schritte

28.02.2014
Der Weg zwischen Konzentration und Hingabe

28.02.2014
Der Weg zur "Erleuchtung"

15.12.2013
"Ishin Denshin – von Herz zu Herz"

29.10.2013
Daishin Zen hat ein Zuhause - Zen-Kloster und Seminarzentrum im Allgäu

16.10.2013
Die Kraft der Konzentration und des Loslassens

15.10.2013
Vierstufiges Ausbildungssystem vom Zendo-Leiter zum Zen-Trainer

05.09.2013
Der Weg von Geist in Materie ist Heilung, ist Schöpfung

04.09.2013
NEU: Daishin Zen TV Live- für alle offen

15.07.2013
Samadhi ist eine Dusche, die alles Belastende von euch abspült

14.07.2013
Wer es weiß, der sagt es nicht. Wer es sagt, der weiß es nicht.

29.05.2013
Der Umgang mit unheilsamen Gefühlen

28.05.2013
Mit der Natur im Reinen

12.04.2013
Erwacht durch einen einzigen Regentropfen

11.04.2013
Zen mit Freude und Leichtigkeit

09.04.2013
Hinnerk Syobu Polenskis Reise in die Heimat des Medizin-Buddha

12.03.2013
Thich Nhat Hanh, Willigis Jäger und Hinnerk Syobu Polenski: Ein Buddha ist nicht genug

11.03.2013
Der Weg, der mich nach Hause führt - Erfahrungsbericht eines Zen-Schülers

10.03.2013
Demut ist der Schlüssel zu Freiheit und Glück

02.02.2013
Wir glauben an die Freiheit jedes Menschen

01.02.2013
Begegnung mit mir selbst - Erfahrungsbericht eines Zen-Schülers

01.02.2013
Jeder Moment ist Ewigkeit, und Ewigkeit ist jeder Moment - Ein Artikel in der ZEIT: Lebenskunst - jetzt oder nie

02.01.2013
Jeder Augenblick ist ein Universum

21.12.2012
Zen, der Weg des Heilens - Teil 2: Heilung und Heiligkeit in mir

20.12.2012
Und irgendwann passiert das Wunderbare: das Leben unterstützt uns, weil wir das Leben selber sind

30.11.2012
Zen, der Weg des Heilens - Teil 1: Entwickle das Heilsame in dir

29.11.2012
Und plötzlich „sah“ ich die Blüte zum ersten Mal

30.10.2012
Der direkte Weg zu Freiheit, Kraft und Stille -

29.10.2012
Ich denke, also bin ich (unglücklich )

27.09.2012
Ein Ort des Friedens und der Freude - Warum Daishin Zen jetzt ein Zuhause braucht

26.09.2012
Meine Vision - ein Kloster nach japanischem Vorbild

25.09.2012
Konflikte anders erleben und lösen -
Mit Zen zu einem neuen Verständnis für meine Familie

25.08.2012
Von Abhängigkeit zur Freiheit -
aus der Freiheit entstehen Liebe und Erfüllung

24.08.2012
Warum denken wir unaufhörlich ?

15.07.2012
Hier und jetzt - in Freiheit leben

14.07.2012
„Atem geschehen lassen, voll zulassen“ - Zen und Yoga

15.06.2012
Bilder vom Sommersesshin Mai 2012 - Osterberg-Institut

05.06.2012
Hallo Widersacher, da bist du ja. Ich kenne Dich.

05.06.2012
Leadership plus Zen gleich Ethik

04.06.2012
Von der Form in die Freiheit

03.06.2012
zum Nach-Hören: Hinnerk Polenski im WDR5-Tischgespräch

19.03.2012
Wir brauchen den Lehrer im Außen, um unseren inneren Führer zu finden

15.02.2012
Im Zen legen wir unsere Masken ab

06.02.2012
„Hör auf zu denken, sei einfach glücklich“

05.02.2012
Hinnerk Polenski zu Gast bei Bärbel Schäfer auf hr3

01.02.2012
Zen-Reise mit dem MeridianSpa

22.01.2012
Rohatsu, eine Etappe auf dem Weg zur Bergspitze

21.12.2011
Fragen an den Zen-Meister

31.10.2011
Kloster-Klause Kükelühn eröffnet

22.07.2011
Hinnerk Polenski zu Gast im NDR bei Tietjen und Hirschhausen

23.05.2011
Ein Kurz-Sesshin in München - Zen und Grüner Tee

15.05.2011
Daishin Zen im Japanischen Tee-Pavillon in Hamburg

28.03.2011
Erfolgreiches erstes Zen Seminar für Ärzte

15.03.2011
Erdbeben, Tsunami und Atom-Unfall in Japan

31.01.2011
Rohatsu 2011 - Der Weg des Daishin Zen

08.11.2010
Vortrag von Hinnerk Syobu Polenski: Kraft und Energie - Zen und die Frage "Gibt es in uns selbst eine Kraft, die nicht bedingt ist?"

30.10.2010
Stern Gesund Leben: Beim Zen-Seminar die Mitte gefunden

29.09.2010
Neuerscheinung: Die Linie im Chaos - Zen, Ethik, Leadership

30.08.0016
Führung ist Verantwortung und der Beginn ist die Selbstverantwortung