Daishin Zen Schule
28.02.2014

Der Weg zwischen Konzentration und Hingabe

Eröffnungs-Vortrag zum Rohatsu-Sesshin Februar 2014
Von Zen-Meister Hinnerk Polenski

Im Alter von 27 Jahren besuchte ich in Hannover den Kongress “Geist und Natur“. Dort kamen großartige Menschen zusammen. Einer von ihnen war der japanische Zen-Meister Eido Shimano Roshi. Ich fragte ihn: „Was ist wichtiger: Konzentration oder Hingabe?“ Und Shimano sagte: „Na ja, du machst sicher ZEN, dann lass uns mal eine ordentliche Haltung einnehmen und uns konzentrieren.“ Das haben wir dann gemacht. Wir saßen in der Hotellobby ....Bumph! ....saßen wir ...... Rinzai .....Dann entspannte er sich, guckte mich an und sagte: „Und jetzt.... totale Hingabe!“ und lachte: „Very difficult – ja, sehr schwierig“. Hingabe und Konzentration sind zwei Dimensionen des gleichen Weges. Yin und Yang, männlich und weiblich ergeben das Tao, den Weg selbst. Auf dem spirituellen Weg der Selbstbefreiung ist es total wichtig, die Mitte zu finden zwischen diesen beiden Elementen. Und dies ist für jeden von euch anders.

Im ersten Moment erscheint es so, dass das Rinzai-Zen eine sehr, sehr strenge Fokussierung auf Konzentration hat. Und das ist wahr. Und gleichzeitig wiederum nicht. Wir haben das Herz-Sutra, das „Hannya Shingyo“, rezitiert. Im ersten Drittel heißt es „Shiki soku ze ku, ku soku ze shiki“ – Form ist Leerheit, Leerheit ist Form. Form ist nicht verschieden von Leerheit, noch ist Leerheit verschieden von Form.

Irgendwann kommt der Moment in unserem Leben, wo wir alles in Frage stellen, was um uns herum wie selbstverständlich hingestellt wurde - vor allen Dingen auch das damit verbundene Leid, für uns und auch für andere. Und dieses kann für den Einzelnen passieren, wie es viele Menschen heutzutage erleben, oder aber so, wie wir es als Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert insgesamt erleben. Beides führt gleichermaßen in eine Krise und in die Freiheit.

Ein Weg hat Grenzen

Ein Weg ist deshalb ein Weg, weil er Grenzen hat. Ein Weg durch einen Wald unterscheidet sich vom Wald, weil er eben nicht der ganze Wald ist. Wenn ich sage, alles ist der Weg, ist das eine schöne Plattitüde aus der Esoterik. Diese Beliebigkeit hilft uns nicht weiter. Ein Weg durch einen dichten, finsteren Wald, uralt, vielleicht war es mal ein Trampelpfad von Tieren, dann kamen Jäger, später Bauern und dann Händler. Der Weg wurde ausgebaut, umgelenkt, verändert und so entstand aus einer tiefen Tradition ein Weg, den heute die Menschen gehen können, der ihren Bedürfnissen gerecht wird.

So ein Weg hat immer zwei Teile - gerade dann, wenn ich ihn neu betrete. Der eine Teil betrifft die Form. Da ist z.B. ein Geländer, dann ist da eine Brücke über einen kleinen Bach, etwas später kommt eine Steilküste mit einem Leuchtturm am Wegesrand. Alles das sind Merkmale dieses Weges, die dem Reisenden zeigen, dass er noch auf dem rechten Weg ist. Das ist Form und das ist Konzentration, gleichzeitig kenne ich den Weg nur so weit ich ihn sehen kann – vielleicht bis zu dieser Kurve, über diese Brücke hinweg, bis zu dieser Steilküste ...... der Weg ist neu, der Weg ist alt und gleichzeitig unbekannt. Und ich sehe vielleicht zwei-, dreihundert Meter, aber es ist ein Weg von 1000 Meilen. Und wir wissen nicht, was vor uns liegt. Jeder Schritt, den wir gehen, öffnet unseren Geist und wir sehen mehr als vorher.

Aber dennoch bleibt der Weg der Weg. Wenn wir an dem Weg festhalten, dann kommen wir nicht vorwärts. Man könnte z. B. sagen: „Ich bin ein Fan dieses Weges, meine Spezialität ist „Geländer-Festhalter“. Also verweile ich an diesem Geländer, dieser Brücke, und mache und tue – und bin ein Experte. Oder hänge darin fest. Das ist genauso unsinnig wie zu sagen: „Alles ist der Wald.“

Form und Konzentration ist verbunden mit Wille. Aber was ist Wille in diesem Zusammenhang? - Formlosigkeit, Hingabe ist Offenheit, aber was ist Offenheit in diesem Zusammenhang?

Es ist sehr einfach. Wenn mein Wille sich auf mein Ich richtet und aus dieser Ich-Erfahrung heraus wirkt, dann haben wir das normale, gestaltende Wesen und machen alle möglichen Sachen. Das ist in Ordnung. Aber das ist nicht gemeint. Wenn ich den Willen – und jetzt nehme ich die christliche Sprache zur Hilfe - nur auf Gott ausschließlich ausrichte, dann richte ich ihn nicht mehr auf mich, auf das Ich, aus. Aber das reicht noch nicht. Denn in höchster Form richtet sich der Wille auf die Ewigkeit aus. Ja – und die ist für uns zunächst einmal nicht sichtbar. Und dennoch ist es überall. Und doch ist diese Ausrichtung leicht. Seid einfach in eurem Anhalten absolut und total!

Haltet an, absolut und total !

Das Rohatsu Dai-Sesshin ist so eine Phase, in der ihr dieses Anhalten absolut und total üben könnt. Der Wille, das Streben, ist konditioniert auf Tausend und eine Sache. Irgendwann fallen diese Tausend und eine Sachen ab. Was ist dann über? Was passiert dann? Das ist der Aspekt, warum relativ wenige Menschen Zen machen und die Esoterik einen Bogen um Zen schlägt. Es ist nicht Härte – ein Beißhölzchen nehmen und zu sitzen. Härte ist es, wenn die Form noch nicht da ist. Das Sitzen, eure Form zu üben, zu gestalten, das ist kraftvoll, das ist genauso kraftvoll wie ein Weg durch Wildnis und Fels zu schlagen, Brücken zu bauen, Dämme anzuschütten und durch Hänge Wege zu bauen.

Aber irgendwann ist dieser Punkt vorbei, irgendwann sitzt ihr in eurer Form. Ja, diese eigene Form braucht ihr. Und dann geht es nicht um Härte, sondern um Konzentration. Im Patanjali Yoga Darshana heisst es an einer Stelle: „Meditation ist das Festhalten des Geistes in der Leere des Raumes.“ Ja! Das ist wahre Konzentration. Und auf der anderen Seite ist Hingabe. Hingabe wird in der Beliebigkeits-Esoterik immer als das Ideal gesehen, das ist „total schön“, man gibt sich hin. Alles ok, aber Hingabe ist nicht ohne. Hingabe ist: Ich halte an einem Menschen fest ... und er geht. Es zerreißt mir mein Herz. Ich bin in einer Situation, die ich nicht meistere und es entsteht etwas Unheilsames in mir. Aber ich kann nichts tun. Genauso kann es aber auch Hingabe sein, hinzugehen zu etwas und zu wirken, ohne zu wirken. Hingabe ist nicht loslassen, sondern in der höchsten Form Wu-wei, tatenloses Tun.

Tatenloses Tun ist das Schwerste der vier Weisheiten. Weil es das Tun ohne Ich ist. Das klingt alles toll und viel Leute erzählen immer: „Oh, ich mach wu-wei und trallalla, was weiß ich, Kampfsport“. Es ist schon das Schwierigste, das Wirken, ohne dass ich permanent verurteile, beurteile, diskriminiere, fördere - dieses alles los zu lassen.

Und dann auf einmal bin ich mittendrin. Und dann ist das ein gleißender Moment des totalen Jetzt und Hier – in unendlicher Klarheit, in dem das passiert, was passiert – seit Ewigkeiten. Und „ich“ bin ein Teil davon, ohne hervorgehoben zu sein, wirke ich, gehe ich, kaufe ich ein.

Konzentration und Hingabe – zwei Pole auf dem Weg

Ihr seht also, diese Polarisierung von Konzentration und Hingabe sind nicht zwei Pole auf der spirituellen Ebene, auf dem Weg zur Freiheit, wie wir sie im ersten Moment sehen. Beide haben noch ganz andere Aspekte: Konzentration ist das Festhalten in der Leere des Raumes, das Festhalten des Bewusstseins in der Leere des Raumes. Und Hingabe ist das vollkommene Sein, hier. Stolpere über den Stein und schrei: „Scheiße aua –, tut weh!“. Das kann leer oder voll sein. Und trotzdem sage ich das Gleiche.

Ihr müsst selber nach vorne gucken und schauen, spüren, welche Mitte zwischen diesen beiden wunderbaren Ebenen von Konzentration und Hingabe für euch relevant ist. Oft beginnt es mit Konzentration und die Konzentration erlebt ihre Erfüllung im Loslassen, in vollkommener Hingabe.

Sicher ist es stereotyp, dass diejenigen, die Experten des festhaltenden Konzentrierens sind, immer an den Zielen, an den Ergebnissen und der damit verbundenen Freude vorbeigehen. Und sich um die Frucht und Ernte selbst berauben. Genauso wie die, die die Hingabe idealisieren und dabei vergessen, dass Hingabe die Hingabe an ALLES ist – an das alles, was Leben ist. Und alles das, was ich bin. Hingabe ist es nicht, mich selber zu teilen, in einen Gutmenschen-Teil, der recht ist, sich über andere erhöht, spirituell ganz viel weiß, und in einen vielleicht kleineren Teil einer gewissen Arschlochigkeit, mit der ich selbst nicht so umgehen kann, der nicht so sein darf, aber trotzdem da ist. Das ist nicht in Ordnung. Hingabe ist die Transparenz des Kernschattens, die Transparenz aller unserer Ebenen, die wir haben, ob sie uns gefallen oder nicht. Und diese Bewertung ist sowieso immer höchst relativ, zeitgebunden.

Das ist vollkommene Hingabe. Und das andere ist die vollkommene Konzentration ins Nichts.

Beide haben etwas gemeinsam: Freiheit.


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