Daishin Zen Schule
27.05.2014

Freude ist der Motor | Übung ist Anstrengung auf dem Weg in die Freiheit

Von Zen-Meister Hinnerk Polenski

Freude ist der Motor! Und die Übung ist eine Anstrengung, um Nicht-Anstrengung zu realisieren. Weich, flexibel, mit offenem Herzen. Meister Dogen nennt das „Junan Shin“, flexibler Geist. So soll die Übung sein, eine Verbindung von Körper, Geist und Energie. Das ist auch der tiefere Sinn von Samu. Das habe ich wieder erfahren dürfen bei meinem Besuch – jetzt im Mai - in Hamamatsu in Japan im Syoko-ji meines Lehrers Reiko Mukai Roshi. Samu, Arbeit in Meditation im klösterlichen Umfeld, ist ohne Zweifel eine Anstrengung, aber war für mich auch immer Freude. Samu führt ebenso in die Freiheit wie die Übung des Zazen. Das Wischen des Bodens in der Zendo, das Schälen der Kartoffeln in der Küche oder das Abspülen der Teeschalen sind Wege der Verwirklichung von Wesensschau (Kensho) und des Erwachens (Satori). Der Schlüssel ist die Hingabe, mit der jeder Übende seine Aufgabe ausführt. Es geht also nicht um das Resultat der Arbeit oder gar um Schnelligkeit. Samu ist auch eine Übung, um unserer eigene Mitte zu finden. Darum gehört Samu auch bei unseren Sesshins dazu. Denn genau darin liegt die Stärke des japanischen Zen: In der eigenen Mitte zu sein. Und das bedeutet zunächst einmal, in meinem Körper und in meiner Welt zu Hause zu sein. Die innere Mitte ist keine gedachte Vorstellung, die sich von der Realität abkoppelt und versagt, wenn es hektisch wird - sie ist zunächst einmal ganz unmittelbar meine Körper- und Energiemitte. „Soheit“ kann nicht ohne Körper erfahren werden.

Jetzt und bei allen anderen Besuchen in Japan erlebte ich, dass Hiersein, Präsenz, vollkommen in meiner Mitte sein - im Zen der Aspekt der 'Soheit', der vollkommenen Realisation im Tun, im Da-Sein - dass dies nicht ohne meinen Körper geht. Deshalb ist das Training der japanischen Mönche im Kloster auch so unglaublich hart, denn Du kannst in einem Zen-Kloster Deinem Körper nicht ausweichen. Wie ich schon sagte: Körper und Welt gehören zusammen, alles andere führt in abgehobene Kopf-Welten, die sich immer mehr von der Realität abkoppeln - und beispielsweise im Burnout enden, im Immer-Weiter-Kreisen im eigenen Hamsterrad aus Stress und hilflosem Reagieren. Das japanische Zen ist ein sehr kraftvoller Weg, um wieder in eigene Gestaltungskraft, Energie und Gelassenheit zu gelangen. Dies in einen Rahmen für Europäer zu übersetzen, der diesen Weg für Menschen im Westen gangbar macht, eingebettet in das authentische japanische Rinzai-Zen, darum geht es mir. Darum entwickelte ich gemeinsam mit meinem Lehrer Reiko Mukai Roshi seit 1998 Daishin Zen. Und daran haben wir auch jetzt wieder gemeinsam gearbeitet. Im Mittelpunkt dieser Weiterentwicklung steht immer auch der Weg und die Übungen, in die eigene Mitte zu kommen, seine Mitte zu finden. Wer in seiner Mitte ist, braucht weniger Energie für seine Arbeit

Zazen und die Meditationsübungen des Hara, die sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene auf unseren Seminaren lernen und vertiefen, sind konkrete Schritte auf diesem Weg. Das ist die Basis. Wenn ich dann in meiner Kraftmitte bin, brauche ich für Tätigkeiten – Samu, Job, zu Haue, ganz egal welche Art von Arbeit ich verrichte - nur sehr wenig Energie. Je mehr ich aus dieser Mitte gelange, desto mehr Energie kostet mich mein Tun. Und mehr noch: Wenn ich aus meiner Mitte geraten bin, bin ich verstrickt - das aber ist das Gegenteil von gelassenem Handeln. Der Weg zu gelassener Kraft ist, meine Lebensenergie zu stärken und diese auch über einen anstrengenden Arbeitstag hinaus zu behalten. Daraus kann ich dann meine Kreativität entfalten. Denn durch innere Klarheit, Respekt und Harmonie entstehen Motivation und Gestaltungswille, um z.B. – heute ganz wichtig - zur Schaffung einer fried- und freudvolle Welt. Dies fängt zuallererst bei mir selber an. Das ist der Ansatz des Zen. Gassho.

Mehr zu dem Weg, die eigene Mitte zu finden, in:
Hinnerk Polenski: In der Mitte liegt die Kraft. Mit Zen gelassen bleiben in der Arbeitswelt. 240 Seiten broschiert, März 2014, Kamphausen Verlag ISBN 978-3899017656 14,95 €


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