Daishin Zen Schule
15.07.2013

Samadhi ist eine Dusche, die alles Belastende von euch abspült

Der Weg der Selbstvergessenheit

Von Zen-Meister Hinnerk Polenski

Ein Mann fragt einem Zen-Meister: „Meister, was ist das größte Geheimnis der Welt?“ Der Meister antwortet: „Ich sitze hier alleine mit mir selbst.“ Bei diesen Worten ist der Mann überwältigt von Freiheit, Glückseligkeit und einem tiefen Gefühl von Nach-Hause-kommen. Was ist das für ein geheimnisvoller Weg, der in die Freiheit, zu diesem Glück und nach Hause führt? Es ist der Weg von Samadhi, der Selbstvergessenheit! Im Zen gibt es ein großartiges didaktisches System ohne Tüddelüd. Ich will heute euren Blick auf diese ganz pragmatische Seite des Zen lenken, eine Seite, die Samadhi heißt.

Im Daishin Zen gibt es sieben Tore oder Aspekte, denen wir verschiedene Übungen zuordnen. Sie bilden eine Art mentaler Landkarte für die eigenen Erfahrungen, für den eigenen Weg.

  1. Die erste Stufe ist Entspannung. Tiefenentspannung, ein Weg den man nicht üben kann.
  2. Der zweite Aspekt ist Kraft, Energie: Hara, Chi. Das ist der Weg der Konzentration, aber gleichzeitig der Weg der Wachheit: Hier und jetzt, wir sitzen in Kraft und Stille.
  3. Die dritte Stufe ist Klarheit oder auch Achtsamkeit. Achtsamkeit darf nicht verwechselt werden mit Konzentration. Gemeint ist Offenheit, als Gegenteil von Konzentration. Offenheit hier und jetzt.
  4. Der vierte Aspekt, das ist Versenkung, Samadhi. Die Versenkung ist für einen Anfänger erst einmal zumindest auf ein Objekt ausgerichtet und auf das Einswerden mit diesem Objekt.
  5. Dann folgt die fünfte Stufe, Metta, Herz. Sehr ähnlich wie Samadhi, fast identisch, dennoch gibt es da einen großen Unterschied: Metta ist nicht übbar, Samadhi schon. Metta ist eine Gnade, es ist die Öffnung unseres Herzens, es ist ein erster großer Quantensprung.
  6. Die sechste Stufe ist Weisheit, Leerheit, vollkommene Freiheit.
  7. Und dann ist da noch eine letzte Stufe, das ist die Stufe, die alle Stufen aufhebt: Das torlose Tor, Kensho, Satori.
Im Zen und auch als Basis des klösterlichen Lebens in einem Zen-Kloster spielt die Entwicklung von „absolutem Samadhi“ eine besondere Rolle. Das ist das Samadhi, das man erreicht in der Stille durch Versenkung im Zazen. Aber es ist auch das „positive Samadhi“ in der Dynamik, im Handeln, in der Arbeiten, im Außen. Dieser Weg wird auch im Daishin Zen gelehrt. Er hilft Anfängern, am Anfang nicht zu verzweifeln.

Samadhi, der Weg der Versenkung, beginnt in der Regel mit einem Objekt, auf das die Konzentration gerichtet ist. Ein so genanntes Betrachtungsobjekt. Dafür gibt es verschiedene Formen z.B. Atembetrachtung, Atemzählen, verschiedene Formen von Atem zu zählen. Nasenspitzenbetrachtung, ja, aber auch Mantren, Sutren. Zu Beginn des Weges geht es darum, die individuelle Form zu finden, seine persönliche Übung. Ist diese Übung gefunden, dann lernt der Schüler, sich hineinfallen zu lassen, sich in seiner Übung zu zentrieren. Zen-Praktizierende sind auf dem richtigen Weg und glücklich, wenn sie ihre Übung gefunden haben. Die eigentliche Übung begleitet einen das ganze Leben. Ein, zwei Übungen sind es vielleicht.

Denken auf dem Kissen – die ganze Zeit schnattert es in uns

Normalerweise beginnt der Weg der Versenkung mit der Meditation als Betrachtung eines Objektes. Und nun passiert genau das, was wir alle kennen. Wir sitzen auf der Meditationsmatte und versuchen, uns zu entspannen. Wir haben gelernt, Zen bedeutet Tiefenentspannung, Ruhe, keine Denken, abschalten, keinen Stress mehr, Kraft sammeln, Freude in sich aufkommen lassen, alles wunderbar. Aber was passiert? Ich sitze auf dem Kissen und denke: ich wollte doch gucken ob die Banküberweisung schon angekommen ist, der blaue Pullover heute Nachmittag in der kleinen Boutique war doch sehr schön…. usw. Die ganze Zeit schnattert es in uns. Dann haben wir das Gefühl, da ist von Zen gar keine Spur. Ich sitze hier auf dem Kissen rum, das ist ja eine Quälerei, die Gedanken sausen von links nach rechts. Wo bleibt nur diese Entspannung? Dann lesen wir Geschichten in Büchern oder hören Fortgeschrittene erzählen von irgendwelchen außergewöhnlichen, tiefen Erfahrungen und gucken ganz neidisch. Das führt zu nichts und hilft nicht weiter. Darum ist es an dieser Stelle wichtig zu wissen, dass es drei Schritte gibt auf dem Weg zu Samadhi, zur Versenkung, zur Einheit:
  1. Dharana, das ist die Ebene der Konzentration und sie zeichnet sich aus durch Anstrengung.
  2. Dhyana ist die Ebene der Meditation und sie zeichnet sich aus durch Leichtigkeit, Mühelosigkeit.
  3. Samadhi ist die Stufe der Versenkung, sie zeichnet sich aus durch Selbstvergessenheit und Einheit.
Jeder dieser Schritte oder Stufen ist gleichberechtigt. Das ist sehr wichtig, zu wissen. Wenn wir nämlich morgens aufstehen und direkt Zazen üben, ist das der beste Weg. Wir sitzen vielleicht auf der Matte, sind müde und fragen uns, was soll das alles hier eigentlich? Wir bemühen uns trotzdem und versuchen immer wieder, das Nadelöhr zu finden, immer wieder auf den Punkt zu kommen, immer wieder zurückzukehren zu unserer Übung, werden immer wieder abgelenkt von den Gedanken, lassen uns zurückfallen auf den Punkt der Betrachtung des Objektes.

Jeder muss durch den Steinbruch-Zen

Und genau das ist oft ein Weg, der in uns elementare Hindernisse auflöst. Wir nennen es im Zen Steinbruch-Zen. Klack! Klack! Das Ego mag diese Stufe nicht. Keine tollen Erfahrungen, nichts Sensationelles, nur mühselig. Aber gerade dieser Punkt ist von immenser Wichtigkeit. Weil wir von dort aus dem alltäglichen Wahnsinn ausbrechen können, das Verschleudern von Energie und das Sich-selbst-Verlieren stoppen und durchbrechen können zu uns selbst.

Immer wieder beginnen wir an diesem Punkt. Immer wieder beginnt Dharana, immer wieder beginnt man mit Konzentration, immer wieder versenkt man sich. Sicher, es ändert sich mit der Zeit. Das Ziel ist, sich sich immer wieder hinzusetzten und einen Atemzug langsam durch den Mund zu atmen und wir sind im Samadhi. Da wollen wir hin. Aber der Weg führt über Dharana. Wenn wir einen Berg besteigen, dann haben wir eine Steilwand mit Eis und es regnet, es ist schwierig, es ist anstrengend. Das ist vergleichbar mit Dharana. Dann kommt vielleicht ein Plateau, auf dem wir leicht und sanft ansteigend, weitergehen. Das ist Dhyana, die Mühelosigkeit. Und oben auf dem Gipfel, auf der Spitze, bei blauem Himmel über die Weite der Berge zu sehen, das ist Samadhi.

Irgendwann geschieht es dann, dass euer Objekt der Betrachtung plötzlich im Mittelpunkt ist. Und auf einmal entsteht eine Mühelosigkeit, ein Lächeln entsteht. Wir sind noch hier, wir hören noch die Geräusche, wir nehmen unsere Knie noch wahr, auch Gedanken sind noch da. Aber sie sind in der Peripherie. Zum Beispiel : das Atembetrachten geschieht wie von alleine. Da ist ein schon ein „Ton von Freude“ in uns. Das heißt, das was uns ablenkt, Gedanken, Gefühle und Empfindungen, sind an der Seite. Das ist schon sehr viel. Meditation, Dhyana, hat einen tief harmonisierenden Aspekt in uns. Er führt uns auf den Weg des Heilsamen.

Von Dhyana zu Samadhi – der Weg ist nicht mehr linear

Dann kommt ein Übergang von Dhyana zu Samadhi. Ab hier geht es nicht mehr linear weiter. Hier sagen Schüler oft: „Ich sitze eine Weile und ich habe das Gefühl, ich schlaf ein, aber plötzlich bin ich doch wieder so wach, das ist ganz witzig, ich denke, ups, was ist denn das?“ Oder sie sagen: „Es ist so ein bisschen wie Trance, ich bin so halb da und so halb doch nicht da.“ Andere beschreiben ihre Erfahrungen wie: „Eigenartige Assoziationen, Bilder, die ich gar nicht so zuordnen kann, aber die mich auch nicht irgendwie berühren, so ein bisschen traumartig, aber irgendwie doch anders.“ Das ist dann der Übergang.

Wir können in die Ebene von Dhyana mit unseren Willen, doch dann kommt der Punkt, wo unser Wille nur noch dazu benutzt wird, sanft diese Stufe von Dhyana zu halten. Ab dieser Stelle geht es nicht weiter mit Willenskraft. Der Übergang von Dhyana zu Samadhi ist ähnlich wie das Einschlafen. Ihr könnt Samadhi nur betreten, das Reich eurer vollkommenen Wesensseite eures Seins, wenn ihr euren Verstand, euer Ego zur Ruhe bringt. Den limitierenden Faktor, der sagt, ich das Denken, die fünf Prozent, ich bin der einzige, der überhaupt ein Recht hat, zu reden und zu behaupten, dass ich ich bin. Wenn dieser Aspekt ein bisschen zur Ruhe kommt, seine Klappe hält, sein nerviges Geplapper mal ein bisschen sStill wird, dann erscheinen die anderen Aspekte.

Dieser Übergang ist eben ähnlich wie Einschlafen, weil auch dieser Aspekt der Persönlichkeit und Ego-Ebene, die angeblich wach ist, aber im Prinzip immer nur durch Bilder reflektiert, ein wenig zur Ruhe kommt, ebenso wie wir es aus dem Schlafen kennen. Langsam in so einen Dämmerzustand herüberfließen, wie einschlafen abends, das ist ein Samadhi-ähnlicher Punkt. Aber dann plötzlich gibt es einen deutlichen Switch. Beim Einschlafen bin ich weg. Buff, eingeschlafen. Im Samadhi dagegen bin ich präsent und wach. Samadhi ist, wenn das Objekt der Betrachtung alleine aufleuchtet. Jetzt sind die Gedanken verschwunden. Jetzt sind die Gefühle aufgelöst und die Empfindungen wie weggeblasen.

Ein erster Geschmack von Einheit

Dies ist ein großartiges, wunderschönes Gefühl. Es ist ein Geschmack, ein erster Geschmack, von dem, was die Meister mit Einheit, Eins sein bezeichnen. Mein Lehrer hat einmal gesagt, Samadhi ist eine Simulation von Satori. Man bekommt eine erste Idee, wohin der Weg geht. So lange man das eine mit dem anderen nicht verwechselt, ist das eine sehr großartige Sache. Um in diesen Übergang zu kommen und darüber hinaus, gibt es verschiedene Wege. Ein klassischer Weg in Japan, den wir in Europa selten gehen und der unbeliebt ist, ist der Weg: No Ppain, no Gamegain! Auf deutsch: ohne Schmerz, kein SpielOhne Fleiß (Schmerz) kein Preis! Das heißt, das sehr intensive Sitzen, das lange Sitzen, speziell auf einem Rohatsu, führt dazu, dass man irgendwann Knieschmerzen oder Rückenschmerzen hat, die absolut harmlos sind, aber einen doch nerven und belasten. Jetzt stehen die Konzentration auf das Objekt und der Schmerz nebeneinander. Beides steht auf einmal im Mittelpunkt. Alles andere löst sich auf. Das ist sozusagen der Übungsweg, ein Trick.

Wer dann weiter macht, bei dem läuft sozusagen auf der Oberfläche erst einmal das Wahrnehmen von „Oh mein Rücken, oh mein Knie!“. Auf einer tieferen Ebene aber läuft schon ganz sanft eine neue Einheit. Und irgendwann, plötzlich, bricht dieser Aspekt der Einheit durch. Und genau an dieser Stelle, von einer Sekunde auf die andere, ist der Schmerz weg. Wir sitzen in einem wunderbaren Gefühl und denken „wow, das ist Samadhi“ und schwups sind wir wieder raus und der Schmerz ist wieder da.

Nutzt eure Müdigkeit als Weg

Ihr könnt aber auch die Müdigkeit nutzen. Es geht um Schlaf. Das ist der Grund, warum wir im Zen früh aufstehen. In diese Müdigkeit hineinzugehen, ist der Weg. Ein Mönch, mit dem ich Anfang der 90er in Japan im Kloster zusammen gesessen habe, sagte immer: „If your body is tired, let him sleep, but your mind is weakawake.“ – Wenn dein Körper müde ist, lass ihn schlafen, aber der Geist ist wach. Das ist ein guter Trick. Und irgendwo dazwischen, zwischen, ups, fast wäre ich eingeschlafen, und so einem halbwaches Denken, seid ihr plötzlich auch an diesem Aspekt von Samadhi. Das sind verschiedene Möglichkeiten, Samadhi zu vertiefen.

Ein weiterer Aspekt, der speziell auch auf das Daishin Zen zugeschnitten ist, ist, aus der Meditation heraus in eine Haltung von Hingabe zu gehen, von Loszulassen, von Nicht-zu-wollen und sich tiefer und tiefer fallen zu lassen, und dem Ausatmen zu folgen. Dann geschieht Samadhi auch – fast von alleine.

Samadhi ist ein besonderes Erlebnis

Samadhi selbst ist ein besonderes Erlebnis. Jede Erfahrung aber, die euch jemand erzählt, ist ein Hindernis, das ihr durch Zazen wieder ausbügeln müsst. Denn Zen ist keine Ideologie oder sonst irgendetwas, sondern ein individueller Weg. Ihr werdet also eure eigenen Erfahrungen machen, machen müssen. Ihr werdet selber feststellen, was es bedeutet, für einen kleinen Moment, eins zu sein. Nur mit dem Atem eins. Was ist das? Dann bekommt ihr eine Idee. Ihr bekommt einen Geschmack.

Dann steht ihr auf aus dem Zazen auf. Ihr bleibt aber in diesem Ton der Einheit. Darum ist es schön und wichtig, nach dem Zazen etwas zu tun wie Abwaschen, Jogging oder Gartenarbeit, etwas, das einfach und wiederholbar ist. Damit hat dieses Gefühl von Einheit die Chance, in euren Alltag hineinzuwachsen.

Konzentration ist mühselig, Meditation leicht, und Samadhi heißt Selbstervergessenheit

Ihr taucht heraus, frisch, voller Kraft und Freude. Ihr seht den Tag an, und sagt: Wunderbar! Und wenn ihr einen ungeliebten Job vor euch habt, sagt ihr: Lass uns gehen! Wichtig ist zu wissen, dass Dharana, Dhyana, Samadhi – die Konzentration mühselig, die Meditation leicht ist und Samadhi Selbstvergessenheit bedeutet. Alles drei ist eine Einheit, jeder dieser Aspekte ist ein Drittel dieses Weges und hat seine eigene Berechtigung, denn die Summe aller drei Aspekte klärt euren Geist und Körper.

Alle drei gehören zu einem Weg, und es geht nicht darum, auf der einen Seite z.B. im Bereich Dharana zu sagen: „Ach, das war aber eine schlechte Meditation. Vorgestern war das ja so schön.“ Oder auf der anderen Seite zu sagen: „Unglaubliches Samadhi-Erlebnis, schnöde Welt, good bye! Ich gehe ins Kloster, wo ist die nächste Höhle?“ Das rächt sich. Das ist nicht Zen, sondern die Einheit dieser drei Aspekte, das ist ein wunderbarer Weg.

Lasst uns gemeinsam diesen Weg beschreiten!


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