20.12.2012

Und irgendwann passiert das Wunderbare: das Leben unterstützt uns, weil wir das Leben selber sind

von Hinnerk Syobu Polenski

 
Der Jahreswechsel ist für viele Menschen eine Zeit der Besinnung. Sie suchen den Sinn des Lebens, eine Orientierung, suchen unbewusst eine Legitimierung für ihr Sein. Menschen, die Zen praktizieren, nehmen sich diese Zeit für 25 oder 45 Minuten an jedem Tag des Jahres. Und mit der Zeit finden sie auf dem Zen-Weg eine Orientierung tief in sich selbst. Daraus nehmen sie die Kraft und die Klarheit, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen. Es entsteht eine Verbindung mit allem: klar und offen. Es tut sich mehr und mehr ein großartiger Weg auf mitten in unserer Welt.

Spirituelle Wege, egal ob verbunden mit oder ohne eine Religion, führen immer zu denselben Punkten: Mitgefühl, Güte, Freude und Gelassenheit. Über kurz oder lang empfinden und entwickeln die Menschen, die diesen Weg gehen, Liebe. Sie empfinden eine ganzheitliche Verbundenheit, eine kraftvolle und klare Eingebundenheit in das Leben selbst.

Wir segeln nicht mehr gegen den Wind

Und dann geschieht etwas Wunderbares. Das Leben unterstützt uns, weil wir zum Leben selbst werden. Wir segeln nicht mehr gegen den Wind, sondern wir werden vom Wind getragen. Der Weg geht sich gewissenmaßen selber. Die Verbindung, die wir dann spüren, lässt in uns schon eine innere Orientierung und später dann eine innere Haltung, Ethik zum Vorschein kommen. Innere Richtungsweiser, die immer schon da war, die wir bis dato aber nicht wahrgenommen haben. Wir suchen also nicht, sondern wir finden. Dazu müssen wir uns aber auf den Weg machen. Das heißt, wir dürfen uns nicht treiben lassen, sondern sollten jeden Tag innehalten, wahrnehmen, meditieren.

Dieser Weg ist in jedem Menschen angelegt. Er wartet darauf, betreten zu werden. Wie leicht dieser Weg ist, hat mit dem individuellen Karma zu tun. Karma ist die Verkettung von Ursache und Wirkung. Es hat die Macht, die innere Orientierung bis zur Unkenntlichkeit zu verstellen, zu verdunkeln. Furcht, Gier, Ärger, Wut, Hass und Verstrickung sind Diener dieser Dunkelheit. Aber auch Selbstüberschätzung, Größenwahn und Verblendung verstellen den Blick auf die in uns wohnende Orientierung.

Ich mahne nicht mit erhobenem Zeigefinger die „richtige“ innere Haltung oder Ethik an. Aber Zen ist aus meiner Sicht der einzig intelligente Weg, nicht von einer Hölle in die nächste zu stolpern. Statt der Hölle eröffnet sich uns irgendwann die Leere, das Nichts. In einem Koan sagt der Zen-Meister Ikkyu Sojun zu einem Schüler:

„Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen,
aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“

Eine wichtige und große Aufgabe ist es deshalb, zu erkennen, was wirklich ist. Im Zen streben wir eine solche erweiterte Sichtweise an. Es geht um das intuitive Erkennen des Potenzials der Gegenwart. Das bedeutet: ich sehe das Blatt und erkenne in der Sekunde, seine Bedeutung für die Welt für das Leben – ich sehe nicht nur das einzelne Blatt in seiner „Nicht-Bedeutung“. Diese Sichtweise übertrage ich auch auf uns Menschen, auf mich. Ich stelle Fragen wie: Wer bin ich? Was treibt mich? Was tue ich eigentlich hier? Ist dies mein Weg oder der Weg eines anderen? Folge ich fremdbestimmten Bedingtheiten oder einem offenen, freien Weg? Erfülle ich mein Potenzial?

Durch die Ausrichtung auf den Herzgeist werden wir zu Kapitänen unseres Lebens

Die positive Ausrichtung auf das Heilsame ist ein erster Schritt auf diesem Weg. Das bedeutet, ich beginne destruktive Emotionen aufzulösen, um mit klarem Kopf eine Entscheidung zu treffen. Dies ist der Beginn eines langen, herausfordernden Weges.

Die tägliche Übung, verbunden mit Disziplin und Ausdauer, ist die Basis, um Schritt für Schritt freier zu werden. Dann kommt die Ausrichtung auf unser Herz, die Liebe hinzu. Erst diese Ausrichtung macht uns zu Kapitänen unseres Lebens. Über das Herz, den Herzgeist, die Liebe spüren wir unser Eingebundensein. Das ist unsere tiefe Verankerung im Jetzt, die Verbundenheit mit Allem. Wir erkennen durch unsere eigene Gelassenheit, dass niemand den Umständen ausgeliefert ist. So können wir dann Orientierung und auch kreatives Potenzial an andere weitergeben. Doch dazu ist Übung erforderlich. Trainieren wir so unseren Geist, dann verändern wir unsere Welt an seiner Wurzel, an seiner Quelle, mit einem ungeheuren Effekt: „Was an der Quelle ein Fußtritt beendet, kann an der Mündung kein Damm stoppen,“ sagt ein altes chinesisches Sprichwort.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen geruhsame Feiertage und ein glückliches Jahr 2013.


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